Als Shopping Queen unterwegs – wird das City-Gefühl je zurückkehren?

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von KATHARINA SCHUWALSKI

HAMBURG – Urban zu sein, was heißt das eigentlich? In einer Stadt zu leben, klar. Laut Duden-Definition bedeutet es aber noch viel mehr, nämlich weltmännisch, gebildet und gewandt zu sein. Ob ich das bin? Das weiß ich nicht. Aber dafür weiß ich nach den letzten Monaten genau, warum ich so gerne in der Großstadt lebe und was mir fehlt, seit unser Alltag von dem Motto „nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown“ bestimmt wird. Und warum ausgerechnet die Bahn für ein wenig alte Normalität sorgt.

Eigentlich bin ich sehr gern zu Hause. Ich habe mich längst an das Homeoffice gewöhnt, bekomme bei meinen täglichen Spaziergängen genug frische Luft und Bewegung und konnte mich schon immer problemlos allein beschäftigen. Einzelkind eben. Doch seit einiger Zeit, vor allem seit sich draußen nicht mehr nur eisig-kalt und Schietwetter abwechseln, sondern sich der Frühling bemerkbar macht, werde ich innerlich unruhig. Mir fehlt etwas. Und damit meine ich nicht meine Freunde und Bekannten, die mir natürlich auch fehlen. Sondern diese gewohnte Hektik, Abwechslung und die leichte Unberechenbarkeit des Alltags. Ich kenne es nicht anders, mein gesamtes Leben habe ich in der Großstadt verbracht und bin täglich durch die Innenstadt gefahren – erst zur Schule, später zur Uni, dann zur Arbeit. Was für andere Ausflugsziel ist, war für mich immer Alltag.

Höchste Zeit, endlich wieder in die City zu fahren. Da war ich nämlich schon fünf Wochen nicht mehr. Fünf Wochen – undenkbar in normalen Zeiten… Nach Feierabend bin ich oft in ein paar Läden gegangen, nur um zu schauen (und meistens doch mit Tüten rauszukommen), mit Kollegen auf einen After-Work-Drink, mit Freunden ins neue Restaurant oder am Wochenende im Coffee Shop gemütlich ein Buch lesen und Leute beobachten. All das geht seit Monaten nicht mehr.

Doch hey, jetzt habe ich sogar drei Termine! Nämlich bei Karstadt, Saturn und Peek&Cloppenburg. Ja, das sind so Dinge, die vor einem Jahr noch keiner verstanden hätte und auf die man erstmal kommen muss. Termine zum Shoppen.

Erstmal ist die U-Bahn-Fahrt anders. Leer und vollkommen leise ist es im Waggon, wie sonst nur um fünf Uhr morgens (nicht, dass ich so früh unterwegs wäre, aber so stelle ich mir das vor). Selbst am Hauptbahnhof, wo ich aussteige und man sonst seine Ellbogen stets zu schätzen lernt, ist Abstandhalten gar kein Problem. Die Fußgängerzone ist dann noch leerer, geradezu verlassen. An jeder Ladentür wimmelt es vor Schildern, wie man sich zu benehmen hat und alles ist einfach unfassbar trostlos. Nur große Geschäfte leuchten, viele kleinere haben gar nicht erst geöffnet.

Ich habe noch etwas Zeit, will mir einen Kaffee holen – doch wo ist mein liebster Bäcker? Auch nicht mehr da, genauso leergeräumt wie zig andere Läden. Fast beklemmend, durch die leeren Straßenzeilen zu schlendern. Wenigstens muss man als Frau keine Angst haben, ständig kommen mir Polizisten entgegen und schauen, ob die Maske richtig sitzt. Wo waren die eigentlich früher immer?

Nachdem ich noch ein Blatt mit meinen Daten ausgefüllt habe, darf ich dann tatsächlich Shoppen! 45 Minuten gesteht man mir zu, in denen ich mich ganz frei im großen Laden bewegen darf, alles anfassen und anprobieren, wie es mir gefällt – wie hab ich das vermisst! Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hin soll. Auf der Etage bin ich vollkommen allein. Hier und da steht bloß ein Verkäufer tatenlos rum, als hätte er nur auf mich gewartet. Dieses Ambiente, die Euphorie, der Zeitdruck… so in etwa müssen sich Kandidaten bei Shopping Queen fühlen! Fehlt nur das Kamerateam. Mit drei Teilen husche ich zur Kasse. Ich glaube, Guido wäre ganz zufrieden mit mir.

Die anderen Termine laufen ähnlich. Überall ist man quasi allein auf weiter Shoppingflur. Doch so nett das für den Augenblick ist, so schnell holt einen draußen die Tristesse wieder ein. Zu Hause frage ich mich, ob das gewohnte Innenstadt-Gefühl jemals wiederkommt und ob das nur hier in Hamburg oder in anderen Städten genauso ausschaut.

Ein paar Tage später habe ich schon die Gelegenheit, das selbst zu prüfen, denn ich sitze im Zug nach München. Ein Tapetenwechsel, weg von dieser Trostlosigkeit. Sechs Stunden trennen mich vom Ziel – denke ich da noch.

Nachdem die Bahn es schafft, schon mit 20 Minuten Verspätung abzufahren, in Hannover die erste Durchsage: Der Lokführer soll wechseln, aber der neue ist noch nicht angekommen. Wir müssen warten. Gern würde ich währenddessen das WLAN nutzen, das funktioniert allerdings nicht. In Göttingen das gleiche Spiel: Neuer Lokführer, der aber noch nicht da ist, warten. Ich frage mich, warum man an jeder Station den Lokführer austauscht. Mit über einer Stunde Verspätung geht es weiter, bevor wir dann im tiefen Hessen auf freier Strecke stehen bleiben – technische Störung, wir sollen uns gedulden.

Hätte ich Empfang, würde ich so langsam das Bahn-Bingo googlen. Eine halbe Stunde später rollen wir zwar, doch bleiben bald wieder stehen. Wo sind wir? Zwar ist da ein Bahnsteig, aber nie und nimmer kann das ein ICE-Halt sein. Und tatsächlich, wegen größerer Störung am Bahnhof vor uns müssen wir hier – na, was wohl? – warten. Auf unbestimmte Zeit. Deshalb lässt man uns auch raus aus dem Zug und für ein paar Minuten ohne FFP2-Maske durchatmen. Zurück am Platz werden Fahrgastrechteformulare (kann ein Wort deutscher sein?) verteilt. Mit zweieinhalb Stunden Verspätung geht es weiter. Ich brauche Kaffee. Immerhin, das Bistro hat auf! Kaum mache ich mich mit dem bezahlten Becher auf den Rückweg, kommt die Durchsage: „Aufgrund unserer Verspätung laden wir Sie auf einen Kaffee ein!“ – Murphys Gesetz hat also auch noch zugeschlagen. Schließlich haben noch Unwetterschäden gefehlt, die uns wieder zum Stehen bringen. Inzwischen ist es ein Uhr nachts. Mein Waggon ist leer, nur auf dem Platz vor mir sitzt ein älterer Mann und fängt jetzt an, auf Türkisch zu beten. Na gut, göttlicher Beistand kann nicht schaden.

Kurz vor drei Uhr in der Nacht rollen wir in München ein, nach fast elf Stunden Fahrt und mit gut vier Stunden Verspätung. Also, selbst wenn der ganze Alltag durcheinandergerät, es überall trostlos und langweilig wird – auf die Bahn ist Verlass! Selbst im Lockdown. Hier fühlt sich alles an wie immer.

Bildquelle:

  • Hamburg_Corona_Shopping: Imago Images
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