Ablöse-Weltrekord für Julian Nagelsmann: Ist ein Fußballtrainer das wirklich wert?

ARCHIV - Mit der Verpflichtung von Trainer Julian Nagelsmann (l) macht Bayern München für Hansi Flick den Weg ins Amt des Bundestrainers frei. Foto: Matthias Balk/dpa - WICHTIGER HINWEIS: Gemäß den Vorgaben der DFL Deutsche Fußball Liga bzw. des DFB Deutscher Fußball-Bund ist es untersagt, in dem Stadion und/oder vom Spiel angefertigte Fotoaufnahmen in Form von Sequenzbildern und/oder videoähnlichen Fotostrecken zu verwerten bzw. verwerten zu lassen.
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von RALF GRENGEL

LEIPZIG – „Keine Atempause. Geschichte wird gemacht, es geht voran.“ Trotz Corona-Pandemie arbeitet der Fußball unbeirrt daran, dass die berühmte Fehlfarben-Songzeile aus dem Hit „Ein Jahr“ von 1982 ewig jung bleibt. Zunächst versuchte das dreckige, sorry geldgeile Dutzend der Eliteklubs aus England, Italien und Spanien, die milliardeschwere Super League ins Leben zu rufen, jetzt bestimmt der Rekordtransfer von Julian Nagelsmann von Rasenball Leipzig zum FC Bayern die Schlagzeilen.

3,5 Milliarden Startgeld für eine sportliche wertlose geschlossene Gesellschaft? Das darf doch wohl nicht wahr sein! Nein, durfte es tatsächlich nicht. Die Fans gingen auf die Barrikaden. Die UEFA drohte mit Konsequenzen und ruckzuck war das Thema wieder vom Tisch. Manch einer hielt es ohnehin nur für ein Ablenkungsmanöver, um die nahezu zeitgleich verabschiedete Reform der Champions League, eine etwas mildere Form der Super League, geräuschlos durchzuwinken.

25 Millionen Euro für einen Trainer? Das darf doch wohl nicht wahr sein! Doch darf es. Es war nur eine Frage der Zeit, bis für die Topmänner an der Seitenlinie ähnliche Ablösen gezahlt werden wie für Spieler, die von ihnen trainiert werden. Wenn man genau hinschaut, wirkt der Weltrekord in Bezug auf Trainerablösesummen sogar eher wie ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass die Bayern im Vorjahr 80 Millionen Euro an Atlético Madrid überwiesen haben, damit eine Abwehrspieler Namens Luca Hernández an die Isar wechselt. Sollte der Franzose in den letzten drei Spielen der aktuellen Saison weitere Spielminuten sammeln, kann er in seinen ersten zwei Vertragsjahren bei den Münchnern auf 42 von maximal 68 Bundesligaeinsätzen kommen. Dabei stand der Abwehrspieler bislang 22 Mal von Beginn an auf dem Platz. Bei diesem Arbeitsnachweis wirken 80 Millionen Euro Ablöse deutlich überteuert im Vergleich zu der Summe, die der FC Bayern für Julian Nagelsmann auf den Tisch blättern muss. Zumal der Coach nicht wie Hernandez einer unter vielen Zeitarbeitern im Kader sein wird. Sondern der eine maßgebliche Mann, auf dessen Anweisungen nicht nur eben jener Hernandez sondern noch gut 20 andere werden hören müssen.

Um es ganz deutlich zu sagen: Der Trainer ist der Boss der Spieler. Er bestimmt, wo es lang geht und hat darüber zu entscheiden, ob Spieler wie Hernandez überhaupt zum Einsatz kommen. Wenn man es nüchtern betrachtet, stellt sich die Frage, warum für die Angestellten mehr bezahlt wird, als für den, der sie besser machen soll und für den Erfolg des gesamten sportlichen Unterfangens die Verantwortung trägt?

Der Wechsel von Nagelsmann setzt letztlich nur das fort, was sich bei den jüngsten Trainerpersonalien in der Bundesliga bereits angedeutet hat. Gladbachs Marco Rose heuert zur neuen Saison für fünf Millionen Ablöse bei Borussia Dortmund an. Die Gladbacher wiederum überweisen 7,5 Millionen an die Frankfurter Eintracht, um deren Trainer Adi Hütter loszueisen. Bei beiden Beträgen handelt es sich um festgeschriebene Ablösesummen, die in sogenannten Ausstiegsklauseln fest verankert waren, ansonsten wäre beide Verpflichtungen wohl nicht so preiswert zu realisieren gewesen.

„Der Trainer ist immer der wichtigste Angestellte im sportlichen Bereich. Wenn wir von einem Trainer überzeugt sind, schöpfen wir unsere Möglichkeiten auch aus.“ Max Eberl, Mönchengladbachs Sportdirektor, bringt die neue Denke der Bundesligamacher auf den Punkt. Nichts anderes als ihre Möglichkeiten auszuschöpfen machen auch die Bayern gerade. Sie investieren etwa 62 Millionen Euro in die Zukunft ihres sportlichen Erfolgs. 25 Mio. Ablöse plus 37 Mio. für Gehalt inkl. Lohnnebenkosten. Im Gegenzug bekommen sie einen der gefragtesten Trainer auf dem Markt. Julian Nagelsmann hat für fünf Jahre unterschrieben. Ohne Ausstiegsklausel, sprich ohne festgeschriebene Ablösesumme, wie die Bayernbosse nicht ohne Stolz betonen. Ein Scheitern des Trainerjuwels und den Totalverlust des horrenden Invests blenden sie aus. Zu verlockend ist die Perspektive, mit dem jüngsten Bundesligacoach aller Zeiten, die zuletzt gähnende Langeweile an der Bundesligaspitze noch ein paar Jährchen zu verlängern. Sollten Real Madrid, Paris St. Germain oder Manchester United also in drei Jahren und gefühlten 15 Titeln ihre Fühler nach dem Welttrainer Julian Nagelsmann ausstrecken, wird der vielleicht schon 50 Millionen Ablöse kosten. Und wäre damit immer noch 30 Millionen günstiger als ein linker Verteidiger der anno 2019 zu den Bayern gewechselt war. „Keine Atempause. Geschichte wird gemacht, es geht voran.“ Auch im Fußball. So oder so!

Bildquelle:

  • Trainerwechsel: dpa
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