20-Tonnen-Trümmer von chinesischer Rakete stürzt unkontrolliert Richtung Erde

ARCHIV - Die Kombination aus dem Kernmodul «Tianhe» der chinesischen Raumstation und der Langer-Marsch-5B-Y2-Rakete wird zum Startbereich der Wenchang Spacecraft Launch Site in der südchinesischen Provinz Hainan transportiert. Foto: Guo Wenbin/XinHua/dpa
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von ANDREAS LANDWEHR

PEKING – Trümmerteile einer für den Bau von Chinas neuer Raumstation verwendeten Trägerrakete drohen in den nächsten Tagen auf die Erde zu stürzen. Raumfahrtexperten warnten vor einem «unkontrollierten» Wiedereintritt eines 20 Tonnen schweren Teils in die Erdatmosphäre.

Die Rakete hatte am Donnerstag das 22 Tonnen schwere Kernmodul «Tianhe» (Himmlische Harmonie) ins All gebracht. Damit begann die junge Raumfahrtnation den Bau seiner eigenen Raumstation

Grund für den unkontrollierten Wiedereintritt sei das Design der Rakete vom Typ «Langer Marsch 5B». Der Hauptteil lasse sich nicht steuern und habe auch keine Flugbahn gehabt, um an einem vorbestimmten Punkt ins Meer zu fallen. «Wir wissen nicht wo», sagte der Astrophysiker Jonathan McDowell vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts am Dienstag in Peking. «Im schlimmsten Fall wird es wie der Absturz eines kleinen Flugzeugs, der sich aber über Hunderte Kilometer verteilt.» Es sei ungewiss, wie viele Bruchstücke nach dem Wiedereintritt übrig blieben. «Aber genug, um Schaden anzurichten.»

Da die Hauptraketenstufe etwa alle 90 Minuten um die Erde kreise, sei ungewiss, wann und wo genau sie in die Atmosphäre eintreten und dort teilweise verglühen dürfte, hieß es. «Der wahrscheinlichste Vorgang sieht so aus, dass Trümmer, die die starke Hitze des Wiedereintritts überstehen, ins Meer oder auf unbewohnte Gegenden fallen – aber das Risiko besteht, dass es Schaden für Menschen oder Eigentum gibt», schrieb auch der Experte Andrew Jones auf spacenews.com.

Schon sechs Tage nach dem ersten Flug des besonders tragfähigen Typs «Langer Marsch 5B» im Mai 2020 waren Trümmer in der westafrikanischen Elfenbeinküste niedergegangen und hatten mehrere Häuser in Dörfern beschädigt. Es war das größte Teil, das seit dem US-Raumlabor Skylab 1979 auf die Erde gestürzt war. Die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa hatte den Vorgang damals als «sehr gefährlich» beschrieben. Die Raketenstufe war kurz davor noch über die USA geflogen.

McDowell kritisierte Chinas neue Rakete, die nicht heutigen Standards entspreche. «Nach dem Skylab-Wiedereintritt entschied sich jeder andere, dass vermieden werden sollte, dass so etwas passiert», sagte der Experte. Andere Länder sorgten dafür, dass der Hauptteil ihrer Raketen nicht im Orbit blieben, sondern in eine Flugbahn gebracht würden, um gezielt ins Meer zu stürzen.

«Mit der “Langer Marsch 5B” hat China keinen dieser Ansätze verfolgt», sagte McDowell. Sie sei so gebaut, dass sie etwa eine Woche später durch die Anziehungskraft an einem «willkürlichen Ort» wieder in die Atmosphäre der Erde eintrete. «Das Design ist fahrlässig im Vergleich zu gegenwärtigen Standards anderer Länder.»

Zum Bau der neuen Raumstation sind weitere Starts der «Langer Marsch 5B» geplant. So sollen zwei weitere Module ins All gebracht und angebaut werden. Die Station soll «um 2022» fertiggestellt werden und dann «Tiangong» (Himmelspalast) heißen. Wenn die technisch veraltete internationale Raumstation ISS wie geplant in den kommenden Jahren ihren Dienst einstellt, wäre China danach die einzige Nation, die einen ständigen Außenposten im Weltraum betreibt.

Bildquelle:

  • Chinesische Rakete Langer Marsch 5B: dpa
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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.