Syrien-Krieg: Wie Assad sich selbst unverzichtbar für die Welt machte

Anzeige

von TORSTEN HEINRICH

Die für Assad kämpfenden Truppen haben Aleppo nach mehreren Jahren erobert. Nun gilt seit wenigen Tagen in weiten Teilen Syriens ein Waffenstillstand. Mit Russlands Hilfe hat sich das Regime Assad nicht nur stabilisiert, sondern seine Kontrolle über das Land wieder ausgeweitet. Schon im Herbst 2011 war Assads Regime nicht mehr zu retten und Obama und Merkel forderten ihn zum Rücktritt auf. 2013 war man sich einig, dass Assad weg müsse und noch im Herbst 2015 erklärte Obama, dass Assad nicht „zurückkehren dürfe“. Beim Aushandeln des Waffenstillstands waren die USA nun gar nicht mehr beteiligt.

Was zum einen eine blamable Desavouierung der USA durch ein viel schwächeres Russland ist, hat seine Wurzeln nicht zuletzt auch in der mangelhaften Unterstützung der syrischen Opposition. Der Grund hierfür ist einfach: die Angst vor Islamisten. Zunehmend weitere Teile der Öffentlichkeit und Entscheider halten Assad für das kleinere Übel, im Vergleich zur Islamistischen Opposition. Damit geht Assads Plan vollständig auf.

Für das Assad-Regime war es von Beginn des Konfliktes klar, dass ein Sieg im Kampf gegen die Aufständischen im eigenen Land vor allem auch auf der Propaganda-Front erreicht werden musste. Gaddafis Versuch, die Aufstände in seinem Land rein militärisch niederzuschlagen, endete bekanntlich mit einem Eingreifen eines Militärbündnisses unter Führung Frankreichs und Großbritanniens. Wenn sein Regime also ein fremdes Eingreifen verhindern wollte, dann musste es sicherstellen, dass die Rebellen als schlechtere Alternative zu dem Assad-Regime dastehen.

Assads Hilfe für Islamisten

Während das syrische Regime die Aufstände von Beginn an als das Werk radikaler Islamisten verkaufte, erließ es zugleich, nach Beginn des Aufstandes, eine groß angelegte Amnestie, bei der unter anderem führende Gründer bzw. Köpfe der beiden späteren Terrororganisationen al-Nusra und IS freigelassen wurden. Wie „The National“ aus Abu Dhabi berichtete, blieben viele politische Gefangene in Haft, während bekannte islamische Radikale und Gewalttäter entlassen wurden. Die Freilassung gerade zu diesem Zeitpunkt ist für sich sicherlich kein Beweis, aber doch ein sehr gewichtiger Hinweis für eine bewusste Islamisierung der handlungsfähigen Opposition durch Assad.

„Anonyme Quellen“ von The National berichten zudem, dass das Regime den Islamisten selbst die Waffen übergeben haben soll, um den steigenden Einfluss der Radikalen unter den Gegnern Assads zu garantieren. Der jordanische Generalmajor Fayez Dwairi sagte der Zeitung, dass 46 führende Mitglieder von al-Nusra zu Beginn der Proteste noch in syrischen Gefängnissen gewesen seien, dann aber auf Anraten der syrischen Geheimdienste entlassen worden wären.

Assads Waffenstillstand mit dem IS

Dass das syrische Regime trotz seiner nominell säkularen Natur keine Berührungsängste mit dem radikalen Islam hat, zeigt schon seine Unterstützung für die libanesische Hisbollah und die palästinensische Hamas.

Im Januar 2014 warf der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu dem syrischen Regime vor, insgeheim mit den Radikalen in Verbindung zu stehen. Dies erscheint zunächst absurd, sieht IS Alawiten doch als Häretiker an und tötet sie. Doch angesichts vergangener Bündnisse von radikalen Islamisten mit ihren ideologischen Feinden kann dies nicht ausgeschlossen werden.

Schon während des Irak-Kriegs ermöglichte das säkulare syrische Regime al-Quaida-Kämpfern das Einsickern in den Irak durch das eigene Land. Lange Zeit gab es nur sporadische Kämpfe zwischen IS und syrischen Regierungstruppen, während der IS das von den syrischen Rebellen der FSA kontrollierte Gebiet eroberte und hochrangige FSA-Kommandeure ermordete. Im Gegenzug wurde das vom IS kontrollierte Gebiet scheinbar über viele Monate völlig oder zumindest weitgehend von Luftangriffen durch die syrische Luftwaffe verschont.

Gleichzeitig handelte das syrische Regime mit den Islamisten und kaufte ihnen das Öl ab, das in dem von ihnen kontrollierten Gebiet gefördert wurde. Die dadurch gewonnenen Geldmittel machten einen wesentlichen Teil der Finanzierung von IS aus.

Zugegeben: Vieles davon ist unbewiesen. Aber es gibt Indizien. Fakt ist, dass der IS nach seinem Erscheinen auf dem syrischen Schlachtfeld lange Zeit vorrangig gegen andere Rebellen gekämpft hat. Ob dies in Absprache mit dem Regime erfolgte, wie teilweise unterstellt wird, ist unklar. Klar ist, dass dort leichter Bodengewinne zu erziehen waren. Die amerikanische Journalistin Sarah Birke berichtete, IS sei mehr an der Etablierung eines eigenen Herrschaftsgebietes als an der Bekämpfung des syrischen Regimes interessiert.

Eine starke islamistische Opposition ist ein Vorteil für Assad

Für das syrische Regime war diese Entwicklung gleich mehrfach vorteilhaft. So lange der IS die anderen Rebellen bekämpfte, waren diese geschwächt und abgelenkt und somit ein schwächerer Gegner für Assads Truppen. Sobald der IS und al-Nusra ein relevanter Faktor in dem Kampf wurden, konnte Assad darauf bauen, dass der Westen sich Waffenlieferungen an die Aufständischen zunehmend verweigerte, weil zu befürchten war, dass IS und Konsorten sie in die Hände bekommen würden. Je stärker die Islamisten in Syrien werden, desto fester saß das sich als säkular verkaufende Assad-Regime wieder im Sattel. Nun konnte es sogar erklären, es gehe gegen radikale Islamisten vor und unterstütze damit den internationalen Kampf gegen den islamistischen Terrorismus.

Dabei war die Opposition keineswegs durchweg islamistisch. Unter den Kräften der Opposition gab es auch Einheiten mit alawitischen, druzischen, christlichen, kurdischen und palästinensischen Kämpfern. An sich sollte schon die Logik sagen, dass ein Land mit einer säkular eingestellten Mittelschicht zwar keine neue islamistische Regierung wünscht, vielleicht aber doch eine ohne folternde Geheimpolizei, die einen ständig zu „verschwinden lassen“ droht.

Übrigens: Im spanischen Bürgerkrieg setzten sich die Verteidiger der Republik einst zunächst aus einer breiten Front zusammen, die gemeinsam gegen die Nationalisten kämpften. Unterstützung für die Republik kam im Wesentlichen aus der damaligen Sowjetunion, die Waffen und Ausbilder schickte. Die damit verbundene Möglichkeit, nur ihr eigenes Klientel zu stärken, hat den Einfluss der Sowjets und ihrer Statthalter rapide wachsen lassen, weshalb die Republik sehr bald durch Stalinisten dominieren wurde.

In Syrien war dies ähnlich. Die zumindest zu Anfang noch als moderat zu bezeichnenden Teile seiner Opposition erhielten keine nennenswerte Unterstützung, während die Türkei, Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate die islamistischen Teile der Opposition mit Ausbildern, Kämpfern und Waffen verstärkte. Dies ermöglichte den radikalen Kräften, eine dominante Rolle einzunehmen.

Wer sich der Opposition verschrieben hatte, konnte auf keine Gnade des Regimes mehr hoffen. Er musste gewinnen. Wenn aber nur die Islamisten über ausreichend Waffen, Munition, Geld und Ausbilder verfügten, sahen sich viele eigentlich nicht islamistische Oppositionelle dazu genötigt, sich den radikaleren Gruppen anzuschließen.

Die USA und der Westen im Allgemeinen hätten die FSA von Anfang an gezielt unterstützen müssen, um ihre Dominanz unter den Aufständischen sicherzustellen. Mit Spezialkräften vor Ort hätte man die Ausbildung und Verteilung der Waffen kontrollieren können und so die gewünschten Teile der Opposition zur dominanten Kraft machen können. So aber wurde die Befürchtung, „es werden am Ende die Islamisten obsiegen“ dank der tatkräftigen Unterstützung für die Islamisten aus dem islamischen Ausland zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Torsten Heinrich ist Autor. Sein jüngstes Buch  finden sie hier, auf Facebook können Sie ihm unter facebook.com/torstenh.de folgen.

 

Bildquelle:

  • Naher_Osten: pixabay
Anzeige