Vorverurteilungen gibt’s hier nicht

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Nun also Kai Diekmann, lange Jahr als BILD-Chef einer der mächtigsten Medienmacher der Bundesrepublik. Ein Freund von Helmut Kohl, ein Blattmacher, der auch vor einem Bundespräsidenten nicht halt macht, wenn er einmal in Fahrt gekommen ist. Einer der polarisiert, der vielfach angeeckt ist, der seiner ganz eigenen Agenda folgte. Er soll sich im Juli vergangenen Jahres im gemütlichen Teil einer Klausurtagung in Potsdam einer Mitarbeiterin unziemlich genähert haben, so der Vorwurf, den das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ heute veröffentlicht hat. Das Feixen der Meute ist unüberhörbar. Endlich trifft es einen, der selbst immer ordentlich ausgeteilt hat. Endlich können wir mal wieder auf die Jagd gehen und einen Mächtigen zur Strecke bringen. Endlich mal wieder gefahrlos Häme ausschütten in den Netzwerken. Eine Art von Sport in einer Gesellschaft, die nach solchen Gelegenheiten geradezu giert.

Kai Diekmann war sechs Jahre lang mein Boss. Der große Boss bei der BILD, für die ich von 2001 bis 2007 arbeitete. Wir waren keine „Buddies“, wie man die „friends of Kai“ damals in der Redaktion nannte. Ich habe ihn respektiert, ein smarter Typ, der führen kann und selbstbewusst eine Boulevard-Zeitung leitete, die jeden Tag von Millionen Deutschen gelesen wird. Das ist eine nicht zu unterschätzende Verantwortung. Und nun dieser Vorwurf. Wir wissen nicht, ob überhaupt oder was dran ist. Es gibt eine Anzeige einer Mitarbeiterin. Diekmann hat zugestimmt, die hauseigenen Akten über den „Fall“ an die Staatsanwaltschaft weiterzugeben. Die entscheidet nun, wie es weitergeht. So muss es sein.

Ich finde die Häme, die sich nun über Diekmann ergießt, widerlich. Unschuldsvermutung gilt in diesem Land auch für Prominente. Oder müsste zumindest gelten. In einem Land, in dem unendlich über Datenschutz palavert wird, stellte man einen Wettermoderator Kachelmann an den öffentlichen Pranger. Ganz Deutschland kennt seine vermeintlichen sexuellen Vorlieben. Er wurde vor Gericht freigesprochen, aber seine Karriere ist zerstört. Auch durch Medien. Auch durch BILD. Wie weit darf so etwas gehen? Hat die Öffentlichkeit einen Anspruch darauf, den Inhalt der Steuererklärungen von Uli Hoeneß zu erfahren? Wer arbeitet eigentlich auf, wieso eine Stunde vor der Hausdurchsuchung beim früheren Post-Chef Klaus Zumwinckel Übertragungswagen vor seinem Haus auffuhren und Kameras aufgebaut wurden, um den Einsatz von Polizei und Staatsanwaltschaft zu drehen? Ja, er wurde später verurteilt, aber was ist mit seinen Persönlichkeitsrechten? Es gibt viele Beispiele von Prominenten, die medial erbarmungslos zur Strecke gebracht wurden. Und das ist eine ganz dunkle Seite meines Berufsstandes. Kai Diekmann ist unschuldig, bis etwas anderes bewiesen wird. Auch, wenn er BILD-Chef war.

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.