Taiwan ist der Schlüssel zu ganz Südostasien

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von TORSTEN HEINRICH

Taipeh/Taiwan – Trumps Telefonat mit der Präsidentin der Republik China, besser bekannt als Taiwan, hat internationale Schlagzeilen gemacht. Der „President Elect“ habe Jahrzehnte amerikanischer Außenpolitik auf den Kopf gestellt, als er mit dem gewählten Staatsoberhaupt der 23 Millionen freien Chinesen telefonierte.

Ob das Telefonat der Eitelkeit Trumps geschuldet war, der einfach nur die Gratulation eines weiteren Staatsoberhauptes annehmen wollte, ob es mit den wirtschaftlichen Interessen seines Unternehmens verbunden oder eine Überzeugungstat war, ist zunächst unklar. Inzwischen wissen wir jedoch, dass das Telefonat über Monate vorbereitet wurde. Tweets des künftigen US-Präsidenten zeigen sein Interesse an Nationalchina schon lange vor seinem Wahlkampf.

Noch ist unklar, ob wir hier die Formulierung einer neuen Außenpolitik sehen, die Taiwan tatsächlich wieder diplomatisch aufwerten wird. Dies wäre dabei keineswegs einzigartig, hat sich doch auch die Beziehung zwischen Japan und Taiwan in den letzten Jahren merklich vertieft, angesichts des Druckes vom Festland. Denkbar wäre allerdings auch die Bemühung Trumps, mit einer angedeuteten de facto Anerkennung Taiwans eine Maximal-Position in den anstehenden Handelsverhandlungen mit Peking einzunehmen. Eine Position, die er für Zugeständnisse in den Verhandlungen aufzugeben bereit ist. Damit verbunden könnte es auch als Zeichen der Stärke gedacht gewesen sein.

Doch die Bedeutung der Insel Taiwan und des dort befindlichen Landes geht weiter über ein Telefonat hinaus. Tatsächlich hat der künftige US-Präsident Donald Trump hier den Schlüssel zu ganz Südostasien in der Hand. Taiwan, die Republik China oder „Nationalchina“ ist das Überbleibsel der chinesischen Regierung, die in der Zwischenkriegszeit und während des Zweiten Weltkriegs fast das ganze chinesische Territorium auf dem Festland beherrscht hat. Als nach dem Zweiten Weltkrieg der chinesische Bürgerkrieg wieder aufflammte und die Kommunisten unter Mao mit sowjetischer Hilfe die Nationalchinesen unter Chiang Kai-Shek schlugen, flüchtete dieser mit seinen Getreuen auf die große Insel, die in den vergangenen 50 Jahren in japanischem Besitz gewesen war.

Weitere, zunächst noch von Chiangs Truppen gehaltene Inseln wie Hainan, wurden durch die Kommunisten in der Folgezeit erobert oder wegen ihrer exponierten Lage aufgegeben, was die Republik China auf Taiwan, die Pescadores-Inseln und wenige Inseln vor dem Festland wie Matsu oder Kinmen beschränkte.

War die Republik China in den ersten Jahren, nicht zuletzt durch die nun, nach dem Verlust des Festlandes, anlaufende amerikanische Hilfe noch zur eigenständigen Verteidigung in der Lage, veränderte sich das militärische Gleichgewicht spätestens seit den 70ern. Um die Volksrepublik China dauerhaft von der Sowjetunion zu trennen, entschied sich die US-Regierung, dieses China als alleiniges China anzuerkennen und zog seine diplomatische Anerkennung der Republik China zurück. Um den Protest im Inland abzuschwächen und den langjährigen Verbündeten nicht völlig zu verraten, wurde allerdings 1979, drei Monate nach der Anerkennung der Volksrepublik, durch den US-Kongress der „Taiwan Relations Act“ verabschiedet.

Das Abkommen erklärte dabei Taiwan zum Kern des westpazifischen Raums, indem es alle Bedrohungen Taiwans zu einer Bedrohung eben dieses Raums erklärten, was den US-Interessen dort widersprechen würde. Wer also Taiwan bedroht oder zu erpressen versucht, verändert den Westpazifik und handelt daher gegen US-Interessen. Auf dieser Basis wurde ein de-facto-Bündnis zwischen dem sich demokratisierenden chinesischen Staat auf der Insel und den USA aufrechterhalten, während China mit rasender Geschwindigkeit an Macht gewann.

Inzwischen ist die politische, wirtschaftliche und militärische Macht der Volksrepublik in einem Maße gewachsen, dass sie nicht mehr nur ominöse amerikanische Interessen in Südostasien bedroht, sondern die gesamte Region. Das chinesische Auftreten ist derart bestimmt und anmaßend, dass es sich in territorialen Konflikten mit Südkorea, Japan, den Philippinen, Vietnam, Malaysia, Brunei, Indonesien und Indien befindet. Taiwan selbst will die Volksrepublik dazu bekanntermaßen schlucken.

Zum aktuellen Zeitpunkt halten die Stabilität und der Frieden der Region noch einigermaßen, auch wenn der neue philippinische Präsident Rodrigo Duterte davon ausbricht. Die für sich jeweils schwächeren Anrainerstaaten können und konnten sich bis vor kurzem noch sicher sein, dass ihre Territoriale Integrität im Interesse der USA liegen würde und sie daher im Zweifelsfall Unterstützung durch die Vereinigten Staaten bekommen könnten.

Solange die USA unzweifelhaft hinter Taiwan stehen, das für die Volksrepublik am Wichtigsten ist, solange ist klar, dass die USA bereit sind, gegen Rotchina aufzustehen. Gibt Washington Taipeh dagegen auf, weiß ganz Südostasien, dass es auf amerikanische Hilfe nicht mehr zu hoffen braucht. In der Folge müssten alle Anrainer ihre Außenpolitik in unterschiedlichem Maße korrigieren, um eine Konfrontation mit dem immer unverschämter agierenden Reich der Mitte zu vermeiden.

Wenn Trump die Erwartungen jetzt wahrmacht und die Beziehungen mit den freien Chinesen auf Taiwan wieder intensiviert, kann dies entsprechend stabilisierend für den gesamten Raum wirken. Andere Nationen wissen, dass sie zumindest bis auf Weiteres sich der Volksrepublik nicht unterordnen müssen. Eine stabile Region mit wesentlichen Teilen des Welthandels und den vier großen Industrienationen China, Japan, Südkorea und Taiwan, strahlt dabei auf die gesamte Weltwirtschaft aus.

Bildquelle:

  • Taipeh_Taiwan: pixabay
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