Sorrentinos junger Papst ist ein vielschichtiger und durchtriebener Charakter

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von KIRSTINE FRATZ

Seit Oktober 2016 gibt es einen neuen Serienhelden. Den Papst.

Der US Schauspieler Jude Law verkörpert in „The Young Pope“ von Paolo Sorrentino, einen vielschichtigen und durchtriebenen Charakter, wie wir ihn aus anderen erfolgreichen Serien schon zu kennen glauben. Der Vergleich mit der Hauptfigur aus „House of Cards“, Francis Underwood, ist schnell gemacht. Der Wille zur Macht ist auch bei diesem Papst vordergründig.

Diabolisch und verstörend übernimmt er sein Pontifikat. Eben entschlossen zu stören, keinem Vorstellungsrahmen zu entsprechen und bereit anderen Menschen Schmerz zuzufügen, um für sich die Deutungshoheit zu beanspruchen.

Die Presse hat ihn schon mit Donald Trump verglichen, und seit Ende des vergangenen Jahres erwartet man gespannt den Aufschrei der katholischen Kirche. Doch der kommt nicht. Und während wir zeitweilig sprachlos vor Trumps Ego stehen und er damit eigentlich nur unseren Erwartungen entspricht – macht dieser neue Serienheld, einer Image gebeutelten Institution, etwas herrlich Unerwartetes. Er
macht eine Heldenreise und lässt uns die Liebe erfahren.

Der junge Papst von Sorrentino ist die wunderbare Geschichte eines modernen Menschen der gezwungen ist in vielen Widersprüchen zu leben und es am Ende schafft, sich selbst zu erlösen. Wie wir alle muss auch er ständig seinen eigenen Ort in der Welt bestimmen, seine Verhältnis zu den Dingen, seinen Abstand zu den Ereignissen. Doch anders als wir, hat er keine Angst vor unverstandenen Zusammenhängen und versucht sie nicht in verständliche Geschichte zu übersetzen, die da heißen Populismus und Co.

Anstatt seine Widersprüche der Welt zu präsentieren, beschließt er, der Welt verborgen zu bleiben, bis seine Botschaft ihn schließlich findet und er bereit ist, sie der Welt zu geben. Mit den Worten „Die Welt ist immer bereit für die Liebe“ ergibt er sich ihrem Sog und lässt seine Liebe die Menschen erreichen. Damit überwindet er das Ringen um Bedeutung, seine Provokation ist am Ende, er hat sich selbst überwunden und ist frei.

Warum sollte die katholische Kirche dagegen aufschreien? Schreien wir nicht schon genug gegen alles, was unsere Bedeutung gefährden könnte? Gegen Flüchtlinge, Politiker, Frauen, Ehemänner, die Lehrer unserer Kinder? Und liebe Journalisten, vielleicht hätten sie die Serie zu Ende schauen sollen, bevor sie Aufschreien, dass dieser fiktive Papst wie Trump, wie Francis Underwood und Co ist.

Soviel Geschrei, soviel Angst, soviel vorschnelle Vergleiche. Das Eigene wird nicht besser wenn man das Andere/Fremde diffamiert. Diese Angst deformiert am Ende nur uns selbst und wir haben nichts an Bedeutung gewonnen. Machen Sie es wie der junge Papst. Hadern sie mit sich, den Anderen, dem Schicksal, mit Gott und der Weltsituation insgesamt. Seien sie voller Angst und wütend, aber bringen Sie erst Ihre Botschaft in die Welt, wenn diese der Welt etwas zu geben hat.

Ein junger Papst als egozentrischer Super-Individualist, der sich am Ende erlaubt, den Weg der Liebe zu gehen. Ich danke Paolo Sorrentino für diese herausragende Zeitgeist-Interpretation des Pontifikats. Was für eine geniale Idee, uns unsere Gegenwart und ihre Erlösung auf diese Weise vorzuführen.

Auf die Frage, warum Priester sich von Liebesbeziehungen ausnehmen, entgegnet der fiktive Papst philosophisch: „Wir sind Feiglinge der Liebe, wir fürchten den Schmerz“. Auf welchen Zeitgeist-Teilnehmer trifft das nicht zu?

 

Bildquelle:

  • The_young_Pope: iwlies
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