Postfaktische Zeiten: Wenn Meinungen zu Tatsachen und Fakten zu Belanglosigkeiten werden!

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von DR. ALBERT WUNSCH

Postfaktisch wurde zum (Un-) Wort des Jahres 2016 gewähl. Es meint: Mit Fakten setze ich mich nicht mehr auseinander, ist mir zu anstrengend. So werden stattdessen selbst kreierte Denk-Ergebnisse zwischen Unfug und Halbwahrheit bzw. gezielte Unterstellungen oder Lügen an der Front der Meinungsmacher medienwirksam – oft emotional aufgehübscht – präsentiert.

Eine neue Weltsicht: „Ich rede, also bin ich“ – und das ist ein Fakt!

Zu viele Menschen scheinen den Unterschied zwischen Fakten und Meinung gar nicht mehr zu kennen. Zu dieser Fehl-Kenntnis gesellt sich eine furiose Hochachtung vor den eigenen Denk-Resultaten, so dass diese wie zum Nobelpreis nominierte Botschaft gefragt oder ungefragt in die Welt hinein posaunt wird. Aber aktuell verdeutlichen einige Politiker recht lauthals, dass auch Ältere von diesem Schicksal betroffen sind, die Ergebnisse eigener Hirn-Akrobatik für Fakten zu halten oder diese als solche zu ‚verkaufen’. Dabei scheint es eine Gesetzmäßigkeit zu geben. Je abstruser die Denkergebnisse oder Vorhaben, je lauter und alternativloser werden sie in die Medien-Welt hinein katapultiert. Und dabei lassen sich Twitter, Facebook & Co. als recht geduldige, aber wirkungsstarke Abschuss-Rampen nutzen.

Journalisten und Politiker transportieren lieber Emotionen als Fakten

Zu viele Medien orientieren sich an der Maxime, dass Fakten altmodisch und unwichtig, statt dessen spektakuläre Meinungen viel origineller und medienwirksamer seien. Dass so die Verantwortung von Journalisten, wichtige Fakten in die Welt tragen zu sollen verloren geht, wird dabei hingenommen. Verstärkt wird dieser Prozess, weil fast alle Medien ihre Infos von den großen Presse-Agenturen beziehen und diese von dort angebotenen Nachrichten meist ungeprüft übernehmen. Ergänzend werden Berichte, ohne dies kenntlich zu machen, zu Kommentaren oder Verrissen und das Aufgreifen wichtiger News unterliegt einer persönlich oder redaktionell geprägten Vorsortierung. Dabei scheinen Wahrhaftigkeit und Bedeutsamkeit zu häufig nebensächlich. So werden kunstvoll gestylte Worthülsen zum bevorzugten und leicht konsumierbaren Informations-Medium in Politik und Gesellschaft. Der Desinformation wird so gezielt Tor und Tür geöffnet. Aber Medien als Vernebelungs-Maschinen taugen am ehesten zur Erzeugung von Party-Flair.

Das ‚postfaktische Phänomen’ hat sich auch in Hochschulen immatrikuliert

Ein Beispiel aus meinem Kommunikations-Seminars an der Uni. Eine Studentin hatte innerhalb ihres Vortrags von einer Abtreibungs-Beratungs-Einrichtung berichtet. Nach Abschluss ihrer Seminareingabe wies ich die Studierenden darauf hin, dass es in Deutschland keine Abtreibungs-Beratung, sondern nur Schwangerschafts-Konflikt-Beratungsstellen geben würde, weil Abreibungen laut StGB § 218 ein Straftatbestand sei und nur durch die im § 218a geregelten Ausnahmen keine Strafverfolgung einsetzen würde. Diese Richtigstellung, welche ich – dank W-Lan – durch das Vorlesen des Gesetzestextes untermauerte, führte im Anschluss jedoch zu der Äußerung von einigen Studierenden, dass sie an einer Uni nicht durch die persönliche Meinung eines Lehrenden indoktriniert werden möchten. So verliert die Alma Mater ihren wissenschaftlichen Bildungsauftrag, werden Lehr-Veranstaltungen faktisch zu Leer-Stunden.

Wir benötige eine Renaissance des dialogischen Denkansatzes

Fakten außer Kraft setzen zu wollen, führt immer in kleine oder große Katastrophen. Um dem entgegen zu wirken, sind Können, Selbstdisziplin, Denkfähigkeit, Geschicklichkeit, Frustrations-Toleranz, Konflikt-Management, soziale Kompetenz die Fähigkeit zum Dialog notwenig. So müssten sich alle gesellschaftlichen Kräfte darauf besinnen, was dem Gemeinwesen gut tut. Eine Folge ist, sich dann auch kraftvoll jener Mischung aus Egoismus und Selbstdarstellungs-Ambitionen entgegen zustellen. Das erfordert Achtsamkeit, Reflexionsfähigkeit, Selbstkritik und Veränderungsbereitschaft. Aber der Theologe Karl Rahner sagte einmal: Das ‚In-Sich-Gehen’ ist die schwierigste Art der Fortbewegung.“

Dr. Albert Wunsch ist Psychologe, Diplom Sozialpädagoge, Diplom Pädagoge, Kunst- und Werklehrer sowie promovierter Erziehungswissenschaftler. Er ist Hochschullehrer an der Uni-Düsseldorf und FOM in Essen, Sachbuch-Autor und arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater sowie als Supervisor und Konflikt-Coach (DGSv). Er ist Vater von 2 Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern.

Seine Bücher: Die Verwöhnungsfalle (auch in Korea und China erschienen), Abschied von der Spaßpädagogik, Boxenstopp für Paare und: Mit mehr Selbst zum stabilen ICH – Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung, lösten ein starkes Medienecho aus machten ihn im deutschen Sprachbereich sehr bekannt. Weitere Infos: www.albert-wunsch.de

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Bildquelle:

  • Postfaktisch: pixabay
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