Papst Franziskus führt seine Kirche in eine andere Welt

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von PETER WINNEMÖLLER

Vatikanstadt/Rom – Kardinäle kritisieren öffentlich den Papst. Wann hätte es das in jüngster Zeit gegeben? Seit über 100 Jahren, beginnend mit Pius IX., legt man die unserer Zeit entsprechende Erinnerungskultur zu Grunde, haben wir Päpste, die über alle Kritik erhaben sind. Das kann man daran erkennen, daß die Welt sie zuweilen bis aufs Blut gehasst hat. Das ist gute schriftgemäße Tradition. Der Christ, und um wie viel mehr der Papst, ist in der Welt aber nicht von der Welt. Also hasst die Welt den Christen. Der Christ hasst die Welt nicht, er liegt ihren Verlockungen aber auch nicht zu Füßen. Wir können und sollen nutzen, was uns die Welt bietet, hängen sollen wir daran nicht. Dieser Gegensatz von Christ und Welt kulminiert in einem Papsttum, dass seine weltliche Macht einbüßt und dabei nicht verliert, sondern sehr gewinnt.

Die Moderne konfrontiert die Kirche mit neuen Herausforderungen. Der Marxismus, der Kapitalismus, die Zeitirrtümer, die Arbeiterfrage und vieles andere forderte die Päpste heraus. Gut, dass der Vatikanstaat nur noch ein winziger Rest des einstigen Kirchenstaates ist. Bis zu Benedikt VXI. reicht die Kette der großen abendländischen Päpste der vergangenen 150 Jahre. Dann wählen die Kardinäle einen Papst von anderen Ende der Welt. Das Abendland, europäische Traditionen und auch Geistesgeschichte, darin vor allem die Theologie, interessieren diesen neuen Papst einen Dreck. Er schert sich nicht darum. Der Westen ist für ihn dekadent und schwach. Der Glaube im einst prägenden Europa ist alt und brüchig geworden. Verglichen mit der Dynamik der jungen Kirchen ist hier in Europa, aus Sicht des neuen Papstes, nicht mehr viel zu holen.

Ein Papst der Armen, ein Papst der Barmherzigkeit und last but not least ein Papst der keine Konventionen kennt, das ist Franziskus. Die Herren Kardinäle, wie sie die europäische Tradition nennt, nennt er Brüder und wirft ihnen schon mal geistliche Krankheiten vor. Warum auch nicht? Als Jesuit ist er es gewohnt, geistliche Übungen aufzugeben. Die Welt sieht nur den Konflikt, nicht die geistliche Herausforderung. Streit in der Kirche. Kritik am Papst. Unsere weichgespülte Medienwelt kommt mit einem geistlichen Ringen um die Wahrheit nicht mehr klar. Da ist es doch logisch, wenn weltliche Medien unterstellen, es krisele in der Kurie.

Haben wir eine Kurien-Krise? Wenn ja, dann laßt uns Gott dafür danken. Diese Kurie in Rom ist ein Gebilde, das bei aller Qualität der Arbeit für den Papst auch immer wieder Krusten ansetzt. Kriselt die Kurie, ist die Kirche gesund. Wir suchen die Wahrheit, nicht die Eintracht auf niedrigstem Niveau.

In der Kirche geht es um etwas. Es geht um das Seelenheil der Menschen. Es geht um die Wahrheit, denn nur die Wahrheit führt zum Heil. Vier Kardinäle – im verborgenen werden es noch mehr sein – üben Kritik an einem päpstlichen Dokument und formulieren ihre Zweifel, ob es denn so der Lehrtradition der Kirche entspricht. Je nach Lesart enthält das Dokument einen Irrtum. Und wenn das die authentische Lesart sein sollte, darf dieser Irrtum keinen Bestand haben. Dann muß der Papst korrigieren. Das ist etwas, das wir kaum denken können. Dem Papst ist doch schließlich Unfehlbarkeit zugestanden. Das jedenfalls glaubt die Welt. Nein, auch der Papst kann irren. Nicht im Glauben, da dürfen wir dem Heiligen Geist vertrauen. Der Papst ist nicht vom Glauben abfallen und er wird es auch nicht. Die Kritik der Kardinäle setzt genau hier an, der Papst hat ein Dokument veröffentlicht, das in westlichen Ohren unscharf klingt und in der Weltkirche unscharf ausgelegt wird. Hier ringen die Kardinäle mit dem Papst um die Wahrheit. Der Sieger steht schon fest: Christus! Denn Christus ist die Wahrheit und das Leben.

Der Papst der Barmherzigkeit, Franziskus, nivelliert die Lehre vielleicht wirklich ein wenig zu sehr in Richtung Barmherzigkeit. Das ist kein Irrtum, das kann auch nicht schlecht sein. Doch wehe denen, die die Barmherzigkeit gegen die Wahrheit auszuspielen versuchen. Sie sind im Irrtum. Das Ringen der Kardinäle mit dem Papst ist das Ringen des Abendlandes mit der Dynamik der jungen Kirchen. Es ist auch ein Ringen der Kirche um eine neue Weise des Papsttums, das sich immer dynamisch auf die Anforderungen der Zeit eingestellt hat. Das ist nötig, um des ewigen Heils der Menschen willen und um die ewige Wahrheit in richtiger Weise in die Zeit übersetzen zu können.

Der Streit mit dem Papst vom anderen Ende der Welt, der sich nach Franziskus nennt, ist ein Streit um den Weg der Kirche im dritten Jahrtausend. Papst Johannes Paul II. hatte die Kirche in das neue Jahrtausend geführt. Papst Benedikt XVI. hat der Kirche noch einmal den Schatz der abendländischen Tradition gehoben. Es wird noch lange dauern, diesen Schatz zu sichten und zu verstehen. Und nun geht der Weg in eine andere Welt. Es ist eine Welt des Krieges, des Terrors, der Massenmigration und des Beharrens der alten Völker Europas.

Entlang dieser Linie entzündet sich der Konflikt. Noch zu sehr leben wir gedanklich im alten, christlich-abendländischen Europa, das längst nicht einmal mehr den Geruch der leeren Flasche bietet. Der Papst weiß das, zu sehr lässt es sich auch aus den Dokumenten seines Vorgängers lesen. Darum setzt der Papst auf anderes. Er setzt auf die Armen, er setzt auf die jungen Kirchen, er setzt auf die, die sich bedingungslos Christus hingeben. Und er hat die Absicht, den Schwachen die Hand zu reichen und die Barmherzigkeit Gottes zu zeigen. Der alte Europäer rauft sich die Haare, während die Welt Franziskus bejubelt. Hätte allerdings die Welt Franziskus verstanden, würde sie ihn steinigen.

Papst Franziskus wird allerdings die alten Europäer auch noch brauchen. Der Traditionsschatz der Kirche liegt hier und nirgendwo anders. Ohne diesen gäbe es auch die Dynamik der jungen Kirchen nicht, denn von hier sind sie gegründet worden. Es braucht also niemandem bange zu werden, wenn die Kirche gerade mal mit ihrem Papst streitet. Mit diesem Papst kann man streiten, denn dieser Papst hat eine streitbare Kraft in sich, die zum Evangelium hin strebt. Sollte die Kirche das ganze Pontifikat über mit diesem Papst streiten, dann können wir Katholiken beruhigt sein, dass sich der Heilige Geist auch dabei was gedacht hat. Wer also Streithansel wider diesen Papst sein will, sollte nur eines nicht vergessen: er streitet wider Petrus, was in der Kirche von den frühesten Tagen an durchaus guter Brauch ist. Doch Streit hin, Streit her, auch das gilt von Anfang der Kirche an: Petrus bleibt Petrus – und auf diesen Fels ist die Kirche gebaut, und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwinden.

Bildquelle:

  • papa_franziskus: pixabay
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