Ich mag Deniz Yücel nicht, aber er ist trotzdem ein Mensch

Der Türkei-Korrespondent der «Welt», Deniz Yücel. Foto: Karlheinz Schindler/Archiv
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von MARTIN D. WIND

Deniz Yücel ist kein Sympathieträger. Viele Menschen empfinden ihn als arroganten und provokanten Schnösel. Andere wiederum bejubeln gerade seine Provokationen und seine herablassende Kaltschnäuzigkeit. Es gibt Zeitungen, die sich gerne mit ihm schmücken und es gibt mit Sicherheit Verantwortliche in Redaktionen, die sich ein solches Pulverfass nicht aufhalsen wollen. Yücel kann bis weit über jede Schmerzgrenze hinaus beleidigend und herabsetzend sein, er achtet keine Konventionen und wird persönlich. Aber Denis Yücel ist auch bereit, dafür rechtsstaatliche Konsequenzen zu tragen. Das scheint es ihm wert zu sein, diesem 43-jährigen Querkopf mit deutscher und türkischer Staatsangehörigkeit.

Wahrscheinlich kann nur so ein sturer Querulant den Mut aufbringen, sich in der Türkei als Korrespondent der Tageszeitung „Welt“ offen mit dem dortigen Regime des AKP-Führers Erdogan anzulegen. Mehrfach hatte er sich bereits durch hartnäckiges Nachfragen zu fragwürdigen Praktiken der Politik zwischen der Bundesregierung Merkels und der Regierungsclique um Erdogan in Gefahr gebracht. Zeitweise zog die Welt ihren Korrespondenten zu dessen eigenem Schutz sogar aus der Türkei ab. Nachdem er Ende 2016 über gehackte E-Mails berichtet hatte, aus denen hervorgeht, wie die Familie Erdogans sich die Türkei und deren Wirtschaft zur Beute macht, über illegale Kanäle Geschäfte mit Terroristen abwickelt und mit der politischen Opposition umzugehen gedenke, ging die türkische Regierung zur offenen Verfolgung Yücels über: Gegen den Journalisten wurde ein Haftbefehl ausgesprochen.

Seit dem 14. Februar sitzt Yücel in der Türkei nun in Haft. Die Vorwürfe gegen ihn lauten: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Datenmissbrauch und Terrorpropaganda. Und das aufgrund seiner Berichterstattung über die Misstände und Machtmissbräuche der türkischen Regierung und der Bereicherung der Familie Erdogans.

In Deutschland formiert sich politische und gesellschaftliche Unterstützung für Yücel, um öffentlichen Druck auf das türkische Regime zur Beachtung rechtsstaatlicher Gepflogenheiten im Umgang mit dem Inhaftierten zu beachten. Alleine schon diese öffentliche Beachtung, die seinem Fall zuteil wird, unterscheidet den Fall Yücel massiv von den vielen hunderttausenden in der Türkei inhaftierten politischen Gefangenen der derzeitigen Regierung. Ob das zu seinem Vorteil wirkt oder die Sturheit und den falschen Stolz sowie die Eitelkeit eines Erdogans eher reizt, bleibt abzuwarten.

Es regt sich aber auch Widerstand und Schadenfreude gegenüber Yücel. Und das, was da in den vergangenen Tagen zu lesen und zu hören war, ist unserer Demokratie und unserer Zivilisation nicht würdig. Ja es erschreckt zutiefst, mit welcher verächtlichen Häme manche Menschen „diesem Yücel“ sein Schicksal als „gerechte Strafe“ für seine Unangepasstheit und seinen mangelnden deutschen Patriotismus gönnen. Solche Denkungsart ist unter Demokraten, unter Menschen die für Meinungs- und Pressefreiheit eintreten, nicht zu dulden. Dagegen müssen wir alle aufstehen. Das Recht auf rechtsstaatliche Behandlung unter Beachtung der Menschenwürde, Ausschluss jeglicher Willkür und an den Haaren herbeigezogener Anschuldigungen, hat auch ein noch so abgefeimter Widerling verdient. Auch wenn er Denis Yücel heißt und mir persönlich schon übel aufgestoßen ist.
Yücel ist und bleibt ein Mensch. Das darf nie vergessen werden.

Bildquelle:

  • Deniz Yücel: dpa
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