Heiner Geißler: Querdenker und CDU-Urgestein

CDU-Generalsekretär Heiner Geißler während einer Pressekonferenz 1986 in Bonn, als Journalisten mit einer Auftaktkampagne zur Bundestagswahl bekannt machte. Foto: Heinrich Sanden
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«Ich hätte manchmal noch mehr Krach schlagen müssen», hatte der prominenteste Querdenker der CDU  kurz vor seinem 85. Geburtstag gesagt. Dabei war der frühere CDU-Generalsekretär, ausgewiesene Sozialpolitiker und prominente Attac-Unterstützer auch nach seiner aktiven Zeit als Abgeordneter noch für markige, pointierte und garantiert nicht immer auf Parteilinie liegende Zwischenrufe bekannt.

Im langwierigen Streit der Union um den richtigen Umgang mit Flüchtlingen etwa verurteilte Geißler die Abschiebung von Afghanen in ihre Heimat noch im Dezember als Schnapsidee, weil das Land nicht sicher sei, er drohte der CSU mit einem Bruch der Union und sah in Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wegen ihres Flüchtlingskurses eine Kandidatin für den Friedensnobelpreis. «Nächstenliebe ist keine Gefühlsduselei und kein Gutmenschentum, sondern eine Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind», sagte Geißler 2015. Nun ist einer der prominentesten Vertreter der CDU verstummt. Geißler, der eigentlich 100 Jahre alt werden wollte, ist im Alter von 87 gestorben.

Als Redner und Interview-Partner war der scharfzüngige Wahl-Pfälzer bis zuletzt begehrt – immer gut für unbequeme Positionen. «Anstatt Sinti und Roma vom Balkan, die bei uns Zuflucht suchen, in ihr Elend zurückzuschicken, sollte man vielleicht lieber Dschihadisten, Islamisten, Anhänger des Islamischen Staates, Salafisten und Hassprediger ausweisen. Die halten ja vom Grundgesetz gar nichts und wollen es durch die Scharia ersetzen», sagte er im Februar 2015.

In Talkshows und Büchern setzte sich der profilierte Sozialpolitiker vehement für ein gerechteres Wirtschaftssystem ein. Die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich trieb ihn immer wieder um. «Wir brauchen eine neue Einheit der Wirtschafts- und Sozialpolitik», hieß sein Mantra. Sonst führe die «totale Ökonomisierung» der Gesellschaft zu einer «völligen Umkehrung der Werte». Geißler hatte er auch viele Anhänger in linken Kreisen. 2007 trat er Attac bei. 2012 riet er CDU-Chefin zur Abkehr von der FDP und zu einer großen Koalition.

Seine letzte ganz große Mission hatte Geißler in einem Alter angetreten, in dem die meisten Menschen sich längst zur Ruhe gesetzt haben. Als 80-Jähriger schlichtete er 2010 den Konflikt um das Bahnprojekt «Stuttgart 21». Dabei zeigte Geißler sich nach Ansicht von Beobachtern als souveräner Moderator, der die Bahn nicht mit Samthandschuhen anfasste. Streng, schlagfertig und mit einer gesunden Portion Humor machte er die Schlichtung zu einem medialen Ereignis. In seiner Freizeit suchte er mitunter den Nervenkitzel: Gleitschirmfliegen und Klettern zählten zu seinen Hobbys. 1992 überlebte er einen Absturz mit dem Gleitschirm schwer verletzt.

Geißler wurde im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg geboren: Er kam am 3. März 1930 in Oberndorf am Neckar als Sohn eines Oberregierungsrates zur Welt. Vor seiner politischen Karriere war der promovierte Jurist mit den markanten Gesichtszügen vorübergehend Mitglied des Jesuitenordens, dann Amtsrichter.

Unter den Ministerpräsidenten Peter Altmeier und Helmut Kohl (beide CDU) war Geißler von 1967 bis 1977 Sozialminister in Rheinland-Pfalz, anschließend wurde er CDU-Generalsekretär. Er attackierte die anderen Parteien gerne auch mal scharf. «Eine Demokratie ist kein Gesangsverein Harmonie», gab er als Credo aus. In der Nachrüstungsdebatte erregte er Aufsehen mit der Aussage, «ohne den Pazifismus der 30er Jahre wäre Auschwitz nicht möglich gewesen».

Nach Kohls Sieg bei der Bundestagswahl 1982 wurde Geißler Bundesfamilienminister. Der Sozialexperte und Vater von drei Söhnen arbeitete an einem neuen Image der CDU als moderne Programmpartei. Er führte unter anderem ein Erziehungsgeld ein.

Die fast gleichaltrigen Geißler und Kohl waren beide Machtmenschen, mehr und mehr kam es zu Spannungen. Beim Bremer Parteitag 1989 musste der Verfechter eines klaren «Kurses der Mitte» sein Amt als Generalsekretär abgeben. 1995 warnte er vor einer führerkultischen Partei unter Kohl, nahm das aber wieder zurück. Bis 1998 war er Fraktionsvize im Bundestag. 2002 zog er sich aus dem politischen Tagesgeschäft zurück. Mit Kohl verband ihn am Ende nichts mehr. Er nahm aber am 1. Juli dieses Jahres am Requiem für den kurz zuvor verstorbenen Altkanzler im Speyerer Dom teil.

Als «total demokratisch» hatte Geißler 2012 den Tod bezeichnet. «Er packt den Josef Ackermann genauso wie den Arbeiter bei der Müllabfuhr», sagte er einer Zeitung. Nun ist er dem Tod begegnet.

Bildquelle:

  • Heiner Geißler: dpa
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