Geldsammeln für den Wahlkampf: „Wir bräuchten 50 Sylvias in der nächsten Bundestagsfraktion“

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von KLAUS KELLE

Wussten Sie, dass ein Bundestagskandidat für seinen Wahlkampf im Durchschnitt 70.000 Euro aufwenden muss? Plakate, Flyer, Kugelschreiber, Leihwagen mit Beschriftung, Trikots spenden fürs Jugend-Fußballturnier – das Geld zerrinnt zwischen den Fingern. Und die Partei? Die stellt einen Teil des Kandidaten-Budgets bereit – vorausgesetzt der Kandidat oder die Kandidatin ist bei Hofe wohlgelitten. Sonst gibt’s nix!

Die Düsseldorfer CDU-Abgeordnete Sylvia Pantel (56), katholisch, fünf Kinder, vor ihrem Politikerleben selbständige Unternehmerin, rutschte 2013 mehr aus Versehen, weil AfD und FDP an der Fünf-Prozenz-Hürde scheiterten, in den Deutschen Bundestag. Sie gewann den Wahlkreis Düsseldorf II direkt, was alles andere als ein Selbstverständlichkeit ist. In ihrem Wahlkreis kennt man sie auch persönlich, sie ist immer unterwegs, wenn sie nicht in Berlin sein muss. „Sonntage? Die gibt es bei uns nur noch, wenn eines unserer Kinder heiratet…“ Als ich Sylvia Pantel vor zwei Jahren kennenlernte, sagte sie mir: „Ich bin jetzt gewählt und werde vier Jahre lang das sagen, was ich für richtig halte. Wenn man mich anschließend abwählt, dann ist das eben so.“

Die resolute Frau ist eine Streiterin für ihre Themen, die keine Angst hat, auch den Autoritäten ihrer Partei die Meinung zu geigen. Kauder, Altmeier, selbst die Kanzlerin durfte diese Erfahrung schon machen, etwa als die Düsseldorfer Abgeordnete ihr einen geharnischten Brief in der Flüchtlings-Frage schrieb. Merkel reagierte cool und lud die streitbare Politikerin zu einem Vier-Augen-Gespräch ein. Danach war auch Pantel beeindruckt, weil sie Zusammenhänge geschildert bekam, die sie so noch nicht kannte.

Eigentlich ist so eine engagierte Frau eine Zierde für jede Partei, doch Sylvia Pantel hat einen Makel in der frischgewendeten modernen Volkspartei: sie ist konservativ. Wenn es um Integration und Flüchtlinge, um Familie und Homo-„Ehe“ geht, hadert sie mit dem aktuellen Kurs ihrer Partei. Und deshalb hat sie einen unterirdisch schlechten Listenplatz zugeteilt bekommen. Der Weg zurück ins Parlament führt nur über den Sieg im Wahlkreis, sonst ist es vorbei. Nicht wenige der 11:40-Minuten-Klatscher auf CDU-Parteitagen hofft nun inständig, dass diese Frau, die nicht unter Kontrolle zu kriegen ist und auch gegen weitere Gelder für Griechenland gestimmt hat, am 24. September scheitert.

Eine Düsseldorfer Unternehmerin lud gestern Abend 20 vermutlich wohlhabende Bürger zu einem Fundraising-Dinner für Sylvia Pantel ein, denn die braucht noch Geld für ihren Wahlkampf – siehe oben! Fast drei Stunden stellte sich die Abgeordnete vor, beantwortete jede Frage mit beeindruckendem Sachverstand. Probleme bei der Jugendhilfe, Altersversorgung, die Lebenssituation von Straßen-Prostituierten, die Fehler bei der Aufnahme von Flüchtlingen – die Abgeordnete ließ keine Frage offen und bewies damit vor allem eins: dass unsere Volksvertreter viel besser sind, als ihr Ruf in der Bevölkerung.

Mit Applaus dankten die Unterstützer für die engagierte Vorstellung, einer sagte „Wir bräuchten 50 Sylvias in der neuen Bundestagsfraktion“. Ein Alptraum für Peter Tauber & Co. Jeder bekam noch ein Kärtchen mit, auf dem zu lesen war, wie man spenden kann, wenn man möchte. Da meldete sich einer aus der Runde nochmal zu Wort: „Eigentlich gehöre ich hier gar nicht hin“, sagte er und weiter „ich bin FDP-Mitglied und evangelisch.“ Und dann: „Aber jetzt, wo ich Sie kennengelernt habe: Ich spende!“

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About the Author

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.