Es gibt durchaus Hoffnung für den schwarzen Kontinent

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von VOLKER SEITZ

„Noch produziert Afrika fast nichts, was die Welt braucht“, schrieb der Autor Wolfgang Drechsler unlängst im Handelsblatt. Das ist richtig, allerdings gibt es inzwischen zahlreiche Produkte von Afrikanern für Afrikaner. So gibt es neue Wege zur Entwicklung von klein- und mittelständischen Betriebsstrukturen, und es gibt einige eindrucksvolle Erfindungen beziehungsweise Beispiele von Wertschöpfung aus lokalen Ressourcen. Es sind hoffnungsvolle Ansätze und ermutigende Entwicklungen.

Bessere Perspektiven für breite Bevölkerungsschichten sind eng verknüpft mit dem Aufbau von lokalen Industrien. Jobs schafft auf Dauer und im erforderlichen Umfang nicht der Staat, sondern die private Wirtschaft. Die intelligenten, gewitzten, sprachbegabten und ehrgeizigen jungen Afrikaner haben zukunftsweisende Start-Ups gegründet, die landesspezifische Probleme lösen und auch Arbeitsplätze schaffen. Hier einige Beispiele aus Kenia, Nigeria, Benin und Südafrika. Es ist alles eine Frage der Perspektive: Das mögen im Gesamtzusammenhang kleine Fortschritte sein, aber es sind Fortschritte, die bessere Zukunftsaussichten eröffnen. Deshalb dieses Dossier mit einer, wie ich finde, eindrucksvollen Liste von Beispielen, die es verdienen, einmal geschildert zu werden:

KENIA Transparenzplattform Ushadidi

Juliane Rotich ist ein leuchtendes Vorbild der Start-Up-Szene in Kenia. Sie hat das gemeinnützige Technologieunternehmen Ushadidi mit gegründet. Der Name bedeutet in Swaheli, der Amtssprache Kenias, etwa „Zeugenaussage“. Es ist eine Transparenz-Plattform: 2008 wurden Gewaltausbrüche nach den Wahlen in Kenia mit interaktiven Karten und Zeugen vor Ort dokumentiert. Genutzt wurde Ushadidi bei Wahlbeobachtungen (Wahl in Afghanistan), Naturkatastrophen (Erdbeben in Chile, Haiti, Neuseeland). Ushadidi entwickelt kostenlose Open-Source-Software und ein Internetmodem, das die Energieversorgung bei in Afrika häufigen Stromausfällen sichert und den Internetzugang aufrecht erhält. BRCK, ein batteriebetriebenes Multiverbindungsgerät für sämtliche Netze der Welt, soll den reibungslosen Informationsfluss aus Krisengebieten sichern. Es sieht wie ein Backstein aus, kann über verschiedene Kanäle mit dem Internet verbinden und wählt jeweils automatisch den verfügbaren Zugang aus. Der „Backup Generator for the Internet“ kann für acht Stunden einen Zugang herstellen, wenn kein Strom verfügbar ist. BRCK wird mittlerweile in 150 Ländern verwendet und kann in 48 Sprachen benutzt werden. Ushahidi wird u.a. von der Ford Foundation, Google, Mozilla und Cisco unterstützt.

Kenia ist in Afrika führend als Start-Up-Standort. Bei Konza, etwa 60 Kilometer von Nairobi entfernt, entsteht Konza Technology City, mit Hochschulen, Rechenzentren und Forschungslabors.

NIGERIA Urin-Test für Malaria

Der Biomediziner Dr. Eddy Agbo aus Nigeria hat einen einfachen Urin-Test (Urine Malaria Test/UMT) entwickelt, mit dem eine Malaria-Infektion in weniger als 25 Minuten nachgewiesen werden kann. Oftmals werden Patienten direkt mit Anti-Malaria-Mitteln behandelt, auch wenn sie nur Fieber haben, was schwere Nebenwirkungen haben kann. Malaria ist neben HIV und Tuberkulose die tödlichste Krankheit in Afrika. Dr. Agbo ist seit 20 Jahren Biomediziner und gründete 2008 „Fyodor Biotechnologies“, wo der Test entwickelt wurde. Dr. Agbo arbeitete viele Jahre als Forschungsmitarbeiter an der John Hopkins University School of Medicine in Baltimore/USA, ehe er nach Nigeria zurückkehrte.

BENIN Anti-Malaria Medikamen

Dr. Valentin Agon aus Benin entwickelte das auf pflanzlicher Basis basierende Anti-Malaria Medikament Api-Palu. Es ist weitaus günstiger als andere Medikamente und mittlerweile in Benin, Burkina Faso, Tschad und in der Zentralafrikanischen Republik auf dem Markt. Malaria gehört zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten der Erde. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass sie jährlich eine Million Menschen tötet, die meisten in Afrika. Am häufigsten sterben Kinder unter fünf Jahren.

BENIN Erste Bio-Raffinerie

Mit ihren hellvioletten Blüten wurde die Wasserhyazinthe um 1880 als Zierpflanze nach Afrika importiert. Sie wurde in Seen und vielen anderen Gewässern eingesetzt. Dabei wurde nicht bedacht, dass die Pflanze sich drastisch vermehrt. 10 Pflanzen produzieren 800.000 andere in weniger als acht Monaten. Inzwischen sind in vielen Staaten in ganz Afrika riesige Flächen von den Wasserhyazinthen regelrecht befallen. Wasserhyazinthen haben keine natürlichen Feinde. In den dicken Pflanzenteppichen siedeln sich Insekten, die Malaria und andere Krankheiten übertragen, an. Außerdem reduzieren Wasserhyazinthen den Sauerstoffgehalt im Wasser, den Fischen werden die Lebensgrundlagen genommen. Anlegestellen z.B. am Viktoriasee in Ostafrika und am Kongo in der Demokratischen Republik Kongo können aufgrund der Pflanzendichte nicht angefahren werden. Bootsmotore nehmen Schaden.

In Benin wird zur Abhilfe versucht, Nutzen aus der Pflanze zu ziehen. Der Ingenieur David Gnonlonfoun und der Kinderarzt Fohla Mouftaou gründeten 2014 „Green Keeper Africa (GKA)“. Seit März 2015 werden Stamm, Blätter und Wurzeln der Wasserhyazinthen getrocknet und zu Bio-Düngemitteln, Bio-Brennstoffen und Tiernahrung verarbeitet. Aber vor allem wird ein Lösungsmittel zur Reinigung durch industrielle Öle und Chemikalien kontaminierter Böden hergestellt. Die Fabrik beschäftigt heute 700 Menschen (85 % Frauen), um die Pflanzen zu sammeln. 14 Beschäftigte arbeiten in der ersten Bio-Raffinerie des Kontinents. Exporte nach Nigeria, Côte d’Ivoire und Kamerun werden angepeilt. Die Schweizer Firma Oryx Energies, die an Tankstellen in Westafrika beteiligt ist, hat mit GKA einen Vertrag zur Reinigung verschmutzter Böden geschlossen.

Software für HIV Test, Südafrika

Die Software „Exatype“ wurde von der Südafrikanerin Dr. Imogen Wright von der University of Western Cape entwickelt. Mit Exatype kann getestet werden, ob HIV-positive Patienten Resistenzen gegen antiretrovirale Medikamente besitzen, mit denen eine HIV-Infektion oft behandelt wird.

Produkte aus Afrika für Afrika

Seit langem wird der Mangel an Produkten, die in Afrika südlich der Sahara hergestellt werden, beklagt. Während im Maghreb französische Autos gebaut werden und Lebensmittel für den französischen Markt produziert werden, gibt es jetzt auch im südlichen Afrika  Fortschritte bei der Wertschöpfung. Es gibt nicht nur Kaffee aus Äthiopien, Wein aus Südafrika, Kakao aus der Côte d’Ivoire und Ghana, Blumen aus Kenia, Sheabutter aus Nigeria, Korbwaren aus dem Senegal, Silberblech-Schmuck der Tuaregs, Airport-Art aus Speckstein aus Simbabwe oder Ethnokunst aller Art vom Souvenirmarkt: Masken, Batik-Bilder oder Malachit-Schmuck. Mit der weiterverarbeitenden Lebensmittelindustrie kann z.B. ein eigener Entwicklungsweg gefunden werden.

Schokolade

Der Ivorer Axel Emmanuel war Banker und ist heute Chocolatier. Er produziert mit seiner Firma „Instant Chocolat“ Schokolade und Pralinen in der Côte d’Ivoire. Die Wertschöpfung findet vollständig in der Heimat des Kakaos statt. Kakao ist das wichtigste Exportgut der Côte d’Ivoire. Das westafrikanische Land ist mit seinen 23 Millionen Einwohnern der weltgrößte Anbauer von Kakao. Obwohl die Kakaoproduktion seit Jahrzehnten der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist, wurde Schokolade bislang kaum konsumiert. Sie ist Luxus, weil sie immer importiert werden musste. Erstmals 2015 hat die französische Firma Cémoi mit der Produktion von Schokolade in der Côte d’Ivoire begonnen. Die Jahreskapazität wird mit 5.000 Tonnen angegeben. In der Wirtschaftmetropole Abidjan wird in den Supermärkten immer häufiger Schokolade „Made in Ivory Coast“ angeboten. Nach Angaben der Weltbank sorgt das Kakaogeschäft für zwei Drittel aller Arbeitsplätze und Einkommen.

 KENIA Mobius Geländewagen

Allerdings gibt auch eine industrielle Fertigung von Automobilen. Der Informatiker Joel Jackson (28) kam 2009 nach Kenia. Er entwarf einen Prototyp für ein billiges Fahrzeug. Konzipiert wurde es für die Bedürfnisse afrikanischer Verbraucher. Seit 2011 baut er in seiner Firma Mobius Motors in Mombasa mit einem Team aus lokalen Mechanikern und Schweißern einen simplen, robusten Billig-Geländewagen in einer Kleinserie von 50 Exemplaren. Als Antrieb dient ein 1,6 Liter-Vierzylinder Benziner mit 86 PS von Toyota. Der Motor ist auf dem Stand der Neunzigerjahre. Etwa 35 Prozent aller verwendeten Teile werden in Kenia hergestellt, der Rest (Getriebe, Lenkung, Bremsen) wird zugeliefert. Auf kostspielige Technologien wie Klimaanlage, Innenausstattung oder Seitenfenster wird verzichtet. Verbaut werden Stahlrohre mit hoher Festigkeit und geringem Gewicht. Höchstgeschwindigkeit 120 km/h. Das in Handarbeit produzierte Fahrzeug kostet 9.300 Euro. Das Projekt 100 Prozent „Made in Africa“ wird von dem amerikanischen Geschäftsmann Ronald Lauder unterstützt.

Bleibt zu hoffen, dass afrikanische Verbraucher des Mittelstandes ihr Misstrauen gegen Produkte „Made in Africa“ aufgeben und sie vermehrt nachfragen. Auf der Basis zuverlässiger Qualitätskontrolle und Kundenorientierung sollten diese Produkte zunehmend ernst genommen werden. Außerdem müssen die Hemmnisse im innerafrikanischen Handel, wie bürokratische Hürden, Importbarrieren auf dem Kontinent, abgebaut werden. Sie halten die afrikanische Wirtschaft am Boden und verteuern die Waren für die Konsumenten.

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, das im Herbst 2014 in erweiterter siebter Auflage bei dtv erschienen ist. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

Bildquelle:

  • Afrika_Wirtschaft_2: pixabay
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