Ein Wort über Väter – und trotzdem heißt das Christi Himmelfahrt

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von PETER WINNEMÖLLER

Vatertag? Da treibt es einem Katholiken die Zornesröte ins Gesicht. Das Fest heißt Christi Himmelfahrt. Punkt. Der üble Brauch mit dem Bollerwagen um die Häuser zu torkeln und sich idealerweise bis zur Besinnungslosigkeit zu besaufen, lässt sich nicht taufen.

Er lässt sich vor allem deshalb nicht taufen, weil er gar nicht mehrheitlich von Vätern praktiziert wird. Vatertag ist also ein Fest für solche, die es einmal werden könnten. Damit könnte der Artikel dann sein Ende finden, wäre es nicht tatsächlich in unserer Gesellschaft mal nötig, ein paar Worte über den Vater an sich und das, was Väterlichkeit bedeutet, zu verlieren.

Der Vater ist in unserer Gesellschaft nicht erst heute ein fremdes Wesen. Wie soll man lernen, Vater zu sein, wenn man keine Väter erlebt? In den Jahren 1914 bis 1918 und dann noch einmal 1939 bis 1945 waren die Väter überwiegend im Krieg. Da sind zwei Generationen Männer aufgewachsen, die über viele Jahre keinen Vater erlebt haben. Mein eigener Vater war acht Jahre alt, als sein Vater in den Krieg ziehen musste und er war 18 Jahre alt, als sein ihm fremder Vater aus der Gefangenschaft kam. Die Generation der Nachkriegsväter hatte keine Väter erlebt und mußte das Land wieder aufbauen. Das Wirtschaftswunder kannte den Vater nur als müden Mann, der nach harter Arbeit nach Hause kam. Die Wirtschaftswunderkinder hatten folglich genauso abwesende Väter. Seit in den 70er Jahren die Ehescheidung gesetzlich erleichtert wurde, sind die Väter auf der Flucht. Die Mütter auch, aber die nehmen meistens ihre Kinder mit. In Deutschland wird jede dritte Ehe geschieden. Das ist Fakt. Fakt ist aber auch, daß fast 80Prozent aller Kinder bei ihren miteinander verheirateten Eltern aufwachsen.

Wir könnten also langsam mal über eine neue Väterlichkeit nachdenken. Das ist ein mühsamer Lernprozess, weil wir über Generationen keine Väter erlebt haben. Sie waren zwar da und haben das Geld verdient, aber eines hatten sie nie: Zeit.

Wir, das heißt die Generation der in den 60ern geborenen Männer, haben Väterlichkeit nicht durch abschauen lernen können. Wir mußten unser Vatersein quasi erst neu erfinden. Versuch und Irrtum, der neue Vater ist auch nicht besser als der alte.

Väter können heute kochen, waschen, putzen, Windeln wechseln und vieles andere mehr. Das heisst sie sind mehr präsent im Leben ihrer Kinder als die vier bis fünf Generationen Väter zuvor. Wir könnten dahin kommen, dass der Vater im Leben eines Kindes wieder so präsent ist, wie er es war, bevor sich Wohn- und Arbeitsort im 19. Jahrhundert voneinander entfernten. Das wäre ein Fortschritt.

Kein Fortschritt wäre es, wenn Männer sich als Mütter ohne Brust zeigen. Die Krücke der Milchpulle macht zwar auch das Kind satt, doch darin kann es sich nicht erschöpfen. Haushalt oder Werkstatt sollte kein Gegensatzpaar sein. Der Gedanke legt aber schon mal eine Spur. Die schönsten Erinnerungen, die Kinder an ihre Väter haben, sind in der Regel sowas wie Jagd- oder Angeltouren, Wanderungen oder gemeinsames Drachen bauen, steigen lassen und dabei schreddern. Das hat Potential.

Väterlichkeit wurde über Jahrzehnte als distanzierte Strenge gehandhabt. „Warte nur, bis Vater nach Hause kommt!“, war die Drohung der überforderten Mutter. Warum eigentlich? Der Vater als Angstfigur? Das geht nur in einer väterlosen oder zumindest väterarmen Gesellschaft. Das ist keine Option für neue Väterlichkeit.

Eine neue Väterlichkeit könnte tatsächlich am ehesten seinen Platz in der Werkstatt finden, dem Hobbykeller oder dem Garten, also tatsächlich irgendwie im Alltag. In der Stiftskirche in Geseke (Kreis Paderborn) gibt es einen Josefsaltar. Darauf steht eine Figurengruppe. Josef und Jesus im Knabenalter. Der Vater hat Werkzeuge neben sich liegen und eine Schriftrolle auf dem Schoß. Er legt dem Jungen eine Hand auf die Schulter und erklärt ihm etwas. Man darf wohl annehmen, dass es sich um eine Schriftrolle der Bibel handelt.

Das Bild ist ein Muster von Väterlichkeit, da ist zum einen der Vater präsent, obwohl er arbeiten muss. Er lässt sich vom Kind ansprechen ohne Zeitdruck zu haben. Es ist Begegnung, die Leben, Arbeiten und Glauben zusammenfasst. Es ist Alltag. Unsere Generation konnte Vatersein von den eigenen Vätern oft genug nicht lernen. Auch heutige Väter glänzen viel zu oft durch Abwesenheit. Da ist lernbedarf.

Die Idee, den Vater neu ins Gespräch zu bringen und von der Modellhaftigkeit der Heiligen Familie für das eigene Familienleben zu lernen, erscheint nicht so ganz dumm. Mut zum Lernen, kann man da nur sagen. Der perfekte Vater ist sowieso nur der Vater im Himmel. Aber Josef hat offensichtlich einen guten Job gemacht. Da kann man ruhig mal was abschauen.

Wenn wir also einen Vatertag feiern wollen, dann bitte den 19. März, das Fest des Heiligen Josef. Der liegt in der Fastenzeit. Da wird dann auch nicht gesoffen.

Bildquelle:

  • Kremser: pixabay
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