Die deutschen Bischöfe zur Ehe: Es ändert sich nichts, es ändert sich alles

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von PETER WINNEMÖLLER

Die deutschen Bischöfe haben am Mittwoch dieser Woche ihr Schreiben zu Amoris Laetitia veröffentlicht. Das nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus hatte seit seinem Erscheinen für viele Diskussionen gesorgt. Insbesondere die Frage, ob geschiedene Katholiken, die zivil erneut geheiratet haben, die Kommunion empfangen können, sorgte für zahlreiche Kontroversen. Das Schreiben aus dem Vatikan bleibt da sehr unklar. Papst Franziskus will den Ortskirchen mehr Verantwortung zumuten. Außerdem zeigt sich zunehmend, daß der Papst offensichtlich der Pastoral einen Primat notfalls auch auf Kosten der Lehre einräumt.

Bereits andere Bischofskonferenzen hatten nach Amoris laetitia Regelungen für ihren Bereich konkretisiert. In Malta oder auch auf den Philipinen haben die Bischöfe diese Frage komplett an das Gewissen der Gläubigen delegiert. In Malta haben sich Laienorganisationen bereits gegen die Regelung gewehrt. Weltkirchlich hatten vier Kardinäle den Papst um Konkretisierung gebeten. Der Papst hielt es für richtig, nicht zu antworten. Allerdings erklärte der Präfekt der Glaubenskongregation, man könne Amoris Laetitia nur in der Tradition der Lehre lesen und interpretieren.

In der katholischen Kirche ist die Ehe ein Sakrament. Das ist ein Zeichen auf das kommende Heil. Damit ist die Ehe eben kein weltliches Ding. Sie bindet nicht nur die Eheleute aneinander, sie bindet auch Gott in den Lebensbund mit ein. Gott geht diese Bindung ein, damit kann sie nicht mehr gelöst werden. Sie gilt bis der Tod die Eheleute scheidet. Diese Lehre hat Amoris laetita bestätigt. Auch das Schreiben der deutschen Bischöfe betont die Unauflöslichkeit der Ehe. Dennoch findet sich in beiden Schreiben eine unscharfe Variante dazu.

Der Text der Bischöfe gliedert sich in vier Punkte: die Ehevorbereitung, die Ehebegleitung, die Stärkung der Familie als Lernort des Glaubens und den Umgang mit Zerbrechlichkeit. Der letzte Punkt nimmt den breitesten Raum ein. Während die ersten drei Punkte sehr grob und allgemein abgehandelt werden, walzen die Bischöfe den letzten Punkt des Scheiterns breit aus.

Man gewinnt den Eindruck, die Bischöfe möchte sich nicht allzu sehr mit der Frage beschäftigen, wie eine gute und sinnvolle Ehevorbereitung aussehen müßte. Dazu gäbe es weitaus mehr zu sagen als zu allen anderen Punkten. Immerhin ist die Ehe das Fundament einer gesunden Familie, die wiederum die Keimzelle einer gesunden Gesellschaft ist. Gut auf die Ehe vorbereitete junge Leute haben zudem als Eltern weniger Probleme, den Glauben der Kirche an die nächste Generation weiter zu geben. Sie leben ihre Ehe ohnehin mit der Kirche. Begleitung ergibt sich hier von ganz allein. Statistiken belegen, daß in Deutschland jede dritte Ehe geschieden wird. Es wird jedoch nur ungefähr jede tausendste Ehe geschieden, wenn die Eheleute miteinander den Glauben in Gebet und Tat leben. Einen solchen Aspekt sucht man in dem Schreiben vergebens.

Dabei wäre es in der Tat wichtig, diesen Punkt einmal gründlich zu beleuchten, erheblich wichtiger sogar als die Frage nach Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene. Diese ist nämlich, das kann jeder wissen, der Sonntag für Sonntag in die Kirche geht, ein marginales Problem.

Die katholische Eheschließung ist längst zu einem romantischen Event verkommen. Für die perfekte Hochzeit braucht es eben am besten die Barockkirche und den Pfarrer im Brokatgewand. Wen interessieren die Inhalte? Das Ehetestat macht man halt, weil es die Kirche so will. Was man antworten muß, kann man im Internet nachlesen. Bis der Tod uns scheidet? Na, sehn wie mal …

Man ahnt bereits, daß eine wirklich gute Ehevorbereitung den Menschen viel abverlangen müßte. Der Anspruch würde wachsen, was dazu führte, daß junge Paare eher auf den Segen verzichteten. Verzichten müßte dann allerdings auch die Kirche: nämlich auf die üppige Kirchensteuer. No service, no money. Das sollte klar sein. Die Kirchensteuer ist ein wesentlicher Aspekt des Problems.

Darum wird auch die Frage nach den Sakramenten in der Zweit- oder Drittehe so virulent. Es sind nämlich oft die zahlungskräftigen bürgerlichen Katholiken mittleren Alters, die noch an der Kirche hängen. Irgendwo in der Biografie findet sich dann mal eine Scheidung. Macht ja nix, hat doch heute jeder. Und eigentlich ist es doch eine unhaltbare Situation, daß sich die Kirche nicht angepaßt hat. Dem ist jetzt Abhilfe geschaffen. Zwar gibt es eigentlich keinen Freibrief, doch wehe dem Priester, der sich womöglich an die Lehre der Kirche hält.

Die Bischöfe versuchen nämlich erst gar nicht zu erklären, wie sich das jetztige Prozedere mit der Lehre der Kirche vereinbaren läßt. Es bleibt festzustellen, daß hier ein Bruch mit der Lehre der Kirche vorliegt. Erfolgt keine Korrektur aus Rom, dann haben wir es hier mit einem einmaligen Vorgang zu tun.

Es nützt wenig, wenn Kardinal Müller als Präfekt der Glaubenskongregation immer wieder klarstellt, daß Amoris Laetitia nur im Einklang mit der Lehre gelesen werden darf. Abhilfe schafft – nicht nur in Deutschland – eine neue Art von Glaubensdialektik, die betont, daß die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe weiterhin gilt. Für den Fall, daß eine Ehe scheitert und jemand erneut heiratet, gilt die Lehre die aber gilt, dann aber eben unter Umständen doch nicht. Wir haben also in der Ehelehre den Fall, daß die Ehe zwar unauflöslich bleibt, diese Unauflöslichkeit im Falle des Scheiterns plötzlich keine Rolle mehr spielt. Es stellt sich dann nur die Frage, warum man in dem Falle nicht erneut kirchlich heiraten kann.

Wie auch andere Schreiben nationaler Bischofskonferenzen zu Amoris laetitia stehen hier mehr Fragen offen, als beantwortet sind. Es ändert sich nichts <–> es ändert sich alles. Das ist die neue Form der kirchlichen Lehrverkündigung. Eine gewisse Beliebigkeit und Bandbreite der persönlichen Interpretation könnte künftig auch in anderen Bereichen der Lehre interessante Konstellationen hervorbringen. Ein großer Wurf in der Ehepastoral ist das Schreiben wahrlich nicht. Es gibt in dem ganzen Chaos nur einen Trost: Wer sich weiterhin an den Katechismus hält, macht zumindest nichts falsch. Immerhin etwas!

Bildquelle:

  • Hochzeit: pixabay
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