Die Amis und ihre Autos: „Sie sind doch Europäer, warum kaufen Sie keinen BMW?“

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von UWE SIEMON NETTO

Eines hat mir an Angela Merkel schon immer gefallen: Hinter ihrer verhaltenen norddeutschen Art verbirgt sich ein feiner Sinn für praktische Ironie. Am heutigen Freitag wird sie Donald Trump im Weißen Haus eine Kostprobe davon bescheren. Denn sie bringt unter anderem den BMW-Konzernchef Harald Krüger mit, auf dessen Firma Trump sich im Wahlkampf und auch nach seinem Amtsantritt eingeschossen hatte. Der Präsident drohte BMW Strafzölle von 35 Prozent an, sollte es in Mexiko eine neue Fabrik bauen, immerhin einem Land, das seit 1994 mit den USA und Kanada im Freihandelsabkommen NAFTA verbündet ist. Der Witz an dieser Geschichte ist aber nun, dass das BMW-Werk im Landkreis Spartanburg (US-Staat South Carolina) mehr Autos in die ganze Welt exportiert als die US-Giganten General Motors und Ford zusammen genommen.

Das kann nur verstehen, wer einmal amerikanische Autos gefahren hat. Mein erster Dienstwagen in den USA war 1963 ein schwarzer, zweisitziger Chevrolet Corvair (General Motors), den das Nachrichtenmagazin Time als „das schlechteste Auto, das je gebaut wurde“, apostrophierte. An und für sich war dies ein schickes Gefährt mit roten Sitzen und Weißwandreifen. Es hatte einen Sechs-Zylinder-Heckmotor und ein automatisches Zweigang-Getriebe, das den Corvair so langsam beschleunigte wie mein allererster PKW in Deutschland, eine französische Ente (Citroen 2 CV) des Baujahrs 1958. Mein Corvair verblich bald darauf, als ich auf einer Landstraße in Georgia einen anderen Wagen überholte, dieser aber plötzlich, während wir fast auf gleicher Höhe waren, nach links in einen Waldweg einzubiegen versuchte, ohne seinen Blinker zu benutzen (viele amerikanische Autofahrer halten diesen kleinen Hebel für überflüssig).

Ich riss das Steuerrad scharf nach links. Die Karre kippte einfach um. Aus dem Benzinstutzen am Kofferraum vorne links strömte der Treibstoff. Gott sei Dank war die Windschutzscheibe zerschmettert. Ich kroch ins Freie und zog meine Frau hinterher. Wir rannten, während der Corvair sich in eine Feuerkugel verwandelte. In Europa wäre eine solche Nuckelpinne auch damals schon  nie zugelassen worden. Im folgenden Jahr widmete der Verbraucherschutzanwalt Ralph Nader diesem Automodell einen Bestseller. Titel: „Unsafe at any Speed“ (Unsicher bei jedem Tempo).

Zwei Jahrzehnte später wagte ich mich wieder einmal an einen schwarzen Chevrolet heran. Diesmal war’s ein Malibu aus dem Baujahr 1983. An und für sich liebte ich diese gemütliche Kalesche mit ihrem durstigen Sechszylindermotor, der sich – wenn dies überhaupt nötig war – mit einem Schraubenzieher und einer Büroklammer reparieren ließ. Seine Straßenlage war freilich bemerkenswert. Er dümpelte über die Autobahn wie ein Frachter ohne Stabilisatoren auf hoher See. Bei Schnee und Eis zog ich ihn natürlich nie aus der Remise. Nie wagte ich mich an die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 96 Stundenkilometern heran. Einmal reiste ich damit von Boston nach Montreal in Kanada, wobei ich brav unter 80 km/h blieb.

Dann aber, Anno 2006, kaufte ich einen weißen Dodge Stratus vom Chrysler-Konzern, der auf dem europäischen Radar kaum vorkommt. Das Auto war hübsch, der 2,7-Liter-Motor stark, die Straßenlage passabel. Im Winter darauf fuhren meine Frau und ich von einer Vortragsreise von Chicago zurück nach St. Louis, wo ich damals wohnte. Ich habe in Chicago studiert und liebe diese Stadt wie kaum eine andere in den USA. Aber sein Klima ist das ganze Jahr über teuflisch. An jenem Tag nun war’s draußen minus 34 Grad. Ich kriegte den Wagen nicht warm, obwohl meine Sechs-Zylinder-Maschine auf Hochtouren blubberte. Oben herum war’s unerträglich heiß, unten herum so kalt, dass ich mir überlegte, ob ich nicht wie im Zweiten Weltkrieg in meine Schuhe urinieren sollte, um meine Füße vor Frost zu schützen. Ich wollte an einem Rastplatz anhalten, um mich noch wärmer anzuziehen. Aber wie so oft auf der Autobahn I-55 waren alle Rastplätze geschlossen, weil die amerikanische Infrastruktur verwahrlost ist. So hielt ich einfach illegal auf dem Seitenstreifen an, ging zum Kofferraum und streifte mir drei zusätzliche paar Socken über.

Prompt stoppte ein Streifenwagen auf der Fahrbahn links neben mir. Der Polizist auf dem Beifahrersitz ließ sein Fenster um zwei oder drei Zentimeter herunter und rief: „He, Sie dürfen doch hier nicht halten! Darauf steht eine hohe Geldstrafe.“

„Ich habe ja nur angehalten, um einen tödlichen Unfall zu verhindern“, erwiderte ich. „Mein rechter Fuß droht auf dem Gaspedal anzufrieren, und der linke ist mittlerweile so lahm, dass ich das Gaspedal kaum noch bedienen kann.“ Durch seinen Fensterschlitz musterte der Beamte mein noch fast neues Auto. „Ein Dodge Stratus!“, frotzelte er, „Sie armer Kerl. Dieses Modell ist berüchtigt dafür, dass der Chrysler-Konzern anstelle des Bodenblechs billig importiertes chinesisches Reispapier eingebaut hat.“ Bevor er seinen Fensterschlitz schloss, und lachend weiter gen Süden raste, rief er mir noch zu: „Sie sind doch Europäer, nicht wahr? Warum haben Sie sich denn um Gottes Willen keinen BMW gekauft?“

Uwe Siemon-Netto ist 80 Jahre alt, im Herzen aber noch immer ein junggebliebener Rebell und Querdenker. Deswegen schreibt er auch auf dem Fontis-Blog unter der Rubrik „Uwe stößt an“. Er hat als Journalist im In- und Ausland gearbeitet, ist Theologe und Schriftsteller. Er wohnt in den USA.

Sein aktuelles Buch „Luther – Lehrmeister des Widerstands“ ist im September 2016 im Fontis-Verlag erschienen.

Bildquelle:

  • US_Oldtimer: dpa
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