Der Selige mit dem unbestechlich scharfen Blick

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von PETER WINNEMÖLLER

Der Däne Niels Stensen war Geologe, Mediziner und Anatom. Er entdeckte bei seinen Forschungen den Ausführungsgang der Ohrspeicheldrüse. Dieser wurde nach ihm „Ductus stenonianus“ genannt. Stensen gelang der Nachweis, dass das Herz ein Muskel ist. Seine anatomischen Vorlesungen machten ihn in ganz Europa bekannt. Stensens Arbeiten zeichneten sich vor allem durch exakte Beobachtung aus.

Bei einem Besuch in Florenz sah der Protestant Niels Stensen eine Fronleichnamsprozession. Sie machte ihn nachdenklich. Undenkbar, dass die Menschen nur einen Stück Brot nachlaufen. Es folgten Besuche in Rom. Viele Gespräche in Rom und Florenz brachten Klarheit. Im Jahr 1667 schließlich entschied er sich, katholisch zu werden. Niels Stensen arbeitete nun auch über Theologie. Trotz Konversion erfolgte 1672 ein Ruf nach Kopenhagen als Königlicher Anatom und Universitätslehrer. Das war eine Sensation. Die konfessionellen Konflikte wurden trotz guten Willens aller Beteiligten zu groß. So ging Stensen zurück nach Florenz. Dort wurde er 1675 zum Priester geweiht. Es folgte 1677 in Rom die Bischofsweihe.Sein Bischofswappen trug Kreuz und Herz. Stensen ging zunächst als Apostolischer Vikar für den Norden nach Hannover und später als Weihbischof nach Münster. Als der Geistliche die Korruption bei Bischofswahlen anprangerte, wurde er seines Amtes als Weihbischof enthoben. Am Ende lebte er als einfacher Priester in Schwerin. Er starb dort im Jahr 1686. Im Jahr 1988, wurde er von Johannes Paul II. selig gesprochen.

Besonders im Norden Deutschlands und in Skandinavien verehrt man den Seligen. Als Forscher war er ein Wahrheitssucher. Er ließ sich von Ideologien oder vom Zeitgeist nicht blenden. So kam er durch diese Suche zur Erkenntnis der Wahrheit des katholischen Glaubens. Weil er sehr asketisch lebte und authentisch war, wurde er durchaus geschätzt. In seinem Wirkungsbereich kümmerte er sich um die Ordnung des geistlichen Lebens von Priestern und Laien. So etwas kam nicht bei allen gut an. Den Klerikern waren seine Forderungen oft zu hart. Das führte zu zahlreichen Konflikten. Stensen ging dem nie aus dem Weg. Eine Stelle als Stiftsdekan an St. Ludgeri in Münster, die ihm den Lebensunterhalt sichern sollte, gab er zurück. Er konnte den damit verbundenen Aufgaben nicht gerecht werden.

Allen Konflikten zum Trotz blieb er so ehrlich, die Mißstände seiner Zeit hörbar anzuprangern. Die Korruption blühte damals in der Kirche. So konnte Maximilian Heinrich von Bayern nach Zahlung von 60.000 Reichstalern an das Domkapitel in Münster seinen fünften Bischofssitz einnehmen. Stensens Protest dagegen führte zum Verlust des Amtes als Weihbischof.

Bereits gesundheitlich schwer angeschlagen führte sein Weg nun über Hamburg nach Schwerin. Dort wirkte er drei Jahre als Seelsorger. Seine letzten „Jesus sis mihi Jesus“ (Jesus sei mir Erlöser) faßten sein ganzes Leben und Streben in einem Satz zusammen.

Zu seinem geistlichen Erbe gehören auch Gebete und geistliche Sentenzen. Eines der eindruckvollsten ist wohl: „Schön ist, was wir sehen, schöner, was wir wissen, weitaus am schönsten, was wir nicht kennen.“ Der Forscher erkennt hier an, dass Gott uns vieles aber nicht alles erkennen lässt. Auch das nicht Erkennbare findet Stensen schön. Diese Texte hatte er im Schweriner Gebetbuch von 1686 aufgezeichnet.

Ein nicht geringes Vermächtnis des Seligen für uns ist der unbestechlich scharfe Blick, mit dem er sein Leben lang die Wahrheit gesucht und auch gegen Widerstände bezeugt hat. Die Biografie Stensens zeigt sehr deutlich, wie konfliktbeladen und unstet das Leben eines Christen sein kann. Erfolg und Misserfolg sind da nur menschliche Kategorien und können dicht beieinander liegen.

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