„Das Thema der Dokumentation war und ist uns wichtig“

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von MARTIN D. WIND

Endlich! Am kommenden Mittwoch um 22:15 Uhr zeigt die ARD die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“. ARTE, das gemeinsame Senderprojekt deutscher und französischer öffentlich-rechtlicher Anstalten, hatte seit fünf Monaten die Ausstrahlung des Films verhindert. Begründung: Es sei nicht das geliefert worden, was man „bestellt“ habe. Wer die Diskussion, das Hauen und Stechen beobachtete, das da ein wenig öffentlich wurde, der kann sich leicht vorstellen, was hinter den Kulissen los war. Die peinliche Hängepartie um die Dokumentation nahm einen erwartbaren und bekannten Lauf: Ist etwas missliebig, so wird erst behauptet, es sei nicht das, was man gewollt habe. Zieht das nicht, so wird mit „Einseitigkeit“ argumentiert, die man nicht verantworten könne. Und am Schluss der Debatte geht es den Lieferanten des Produkts ans Leder: Das Produkt habe „handwerkliche Mängel“ und entspreche nicht den „Qualitätsstandards“ die man in der Regel anlege.

Genauso ergeht und erging es auch dieser Dokumentation über Antisemitismus und ihren Produzenten. Wir Gebührenzahler dürfen uns über die erregte Debatte und die Begründungsversuche der Sendeanstalten freuen. Denn WDR-Intendant Tom Buhrow, der letztlich die Ausstrahlung der Dokumentation doch noch beschließen musste, kündigte das so an: „Das Thema der Dokumentation war und ist uns wichtig. Und je wichtiger das Thema, desto genauer muss die journalistisch-handwerkliche Sorgfalt sein. Dabei gilt: Sorgfalt vor Schnelligkeit. Wir haben den Film intensiv geprüft und ich habe entschieden, die Dokumentation und unsere handwerklichen Fragezeichen dazu transparent zur Diskussion zu stellen.“

Das klingt beinahe wie eine Drohung und soll so wohl auch wirken. Diese unterschwellig daherkommende Aggression gegenüber dem Film, dessen Aussagen und seinen Machern weckt dankenswerterweise noch mehr Interesse bei noch mehr Zusehern. „Nur so kann sich das Fernsehpublikum ein eigenes Bild machen.“, meint Volker Herres, Programmdirektor der ARD. Und Recht hat er. Warum man bei ARTE, dem WDR und der ARD nicht früher auf diesen Gedanken gekommen ist, sondern erst nachdem man von der BILD-Zeitung durch das unautorisierte Veröffentlichen des Films getrieben werden musste, erschließt sich einem normal-pragmatisch denkenden Menschen eher nicht.

Der große Nutzwert dieser Affäre liegt viel tiefer, als es sich auf den ersten Blick erschließt: Die öffentlich-rechtlichen Sender, deren Redaktionen, Sendeverantwortlichen und Intendanten haben  Aspekte ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gezerrt, über die sie normalerweise gar nicht gerne reden: Ausgewogenheit und „handwerkliche Sorgfalt“. Man kennt das, wenn man selbst einen Auto-Unfall hatte: Liest man am Tag darauf den Bericht in der Zeitung, dann hat man oft den Eindruck, die Redaktion müsse einen anderen Unfall dargestellt haben. Gleiches gilt für Sportveranstaltungen, Chorausflüge oder auch Kulturprojekte. Wer „in der Materie steckt“, wer Objekt der Berichterstattung ist, sieht und spürt sofort, dass Journalismus der selbst erlebten Realität nicht nahe kommen kann. Das liegt in der Natur des Menschen und der Sache. Ein Journalist, der die Kenntnis um diese Schwäche ernst nimmt, stellt sich und seine Arbeit daher ständig in Frage. Und das Handwerk hat sich selbst ausreichend Regeln gegeben, die bei Beachtung wenigstens eine alltagstaugliche Qualität journalistischer Produkte sichern.

Nun wird es interessant sein, wie ARTE, WDR und ARD begründen, weshalb sie ausgerechnet bei dieser einen Dokumentation schlagartig und plötzlich so vehement und nachdrücklich auf die hundertprozentige Einhaltung dieser „handwerklichen Standards“ beharren. Im Alltag kann man nicht gerade davon reden, dass man sich in den Redaktionen der Sender so ungemein Mühe damit gibt. Über die angedeutete „Ausgewogenheit“ der Berichterstattungen soll hier lieber noch der gnädige Vorhang des Schweigens gesenkt werden. Seien wir dankbar, dass wir künftig wissen werden, an welchen Standards wir öffentlich-rechtliche Sendebeiträge messen dürfen: Und tun wir das dann auch. So können wir uns über diese ungewollte Qualitätsoffensive von ARD, ZDF und ARTE freuen.

Bildquelle:

  • Konzentrationslager: pixabay
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