Das Schwein des Anstoßes im Kühlregal

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von MARTIN D. WIND

Lidl verkauft Börek mit Schweinefett. Das ist in Deutschland inzwischen Schlagzeilen wert. Da regen sich doch tatsächlich Menschen darüber auf, dass mitten in Europa, in Deutschland während des islamischen Fastenmonats Ramadan ein deutscher Lebensmitteldiscounter „Orient-Wochen“ veranstaltet und dabei gefüllte Teigtaschen mit Schweinefett anbietet. Da ist von „Instinktlosigkeit“ die Rede, von „Respektlosigkeit“ oder gar von einer „Unverschämtheit“. Manche Kommentatoren  im Internet versteigen sich gar zu der absurde Behauptung, im „Orient“ gäbe es kein Schweinefleisch. Börek sei „immer“ vegetarisch, wird da selbstbewusst und siegessicher behauptet.

Das kommt, wie so oft, wenn Unwissen und Emotion die Feder lenken, wortgewaltig und fordernd daher. Und wenn dann gar eine „Provokation“ der fastenden Muslime unterstellt wird, dann wird es für ein Wirtschaftsunternehmen durchaus eng. Mit vernünftigen Erklärungen ist einer derart aufgeputschte und vom Guten beseelten Masse nicht mehr beizukommen. Der Discounter zieht den Schwanz ein und gelobt Besserung: Man wolle die Rezeptur ändern, so heißt es aus der Konzernzentrale.

Die „Guten“ haben gesiegt, ein Konzern wurde in die Knie gezwungen, benachteiligten und diskriminierten Menschen wurde beigestanden. Was für ein triumphaler Erfolg, so freuen sich die Aktivisten. Sie übersehen dabei einige Aspekte: Lidl hatte die Verwendung des Schweinefetts auf der Verpackung angegeben. Ein mündiger Bürger und Konsument kann das lesen und eine freie und souveräne Entscheidung treffen: Will ich ein Produkt verzehren, das Schweinefett enthält oder nicht? Niemand zwingt einen Menschen, der aus welchen Gründen auch immer, kein Schwein zu sich nehmen will, solches zu verzehren!

Der „Orient“ ist weit größer und beherbergt weit mehr Völker, Ethnien und Glaubensrichtungen, als die Durchnittsteilnehmer an diesem Shitstorm sich wohl vorstellen können. Es ist keineswegs so, dass dort nur Türken leben und diese auch alle darüberhinaus auch noch Muslime sind. Das hätten manche wohl gerne und da ist der Wunsch Vater wüster Phantasien. Aber es ist eben nicht so. Selbst wenn man sich auf die Gebiete des „Alten Orients“ beschränkt, so gibt es dort durchaus Menschen, die sowohl Schweine züchten als auch verzehren. Und – oh Wunder – es gibt sogar Börek-Rezepte, die nicht ausschließlich „vegan“ sind. Wer hier eine „Provokation“ erkennen will, der muss hypersensibel auf bestimmte Signalbegriffe und deren Verschränkung miteinander reagieren. Ob diese Menschen in anderen Situation ebenso „sensibel“ reagieren?

Wenn Sie nach dem Ende der Sommerferien durch ihren Supermarkt schlendern, dann wird es nicht lange dauern – so Mitte bis Ende September – dann räumen die großen Märkte schon wieder eine beträchtliche Fläche frei, auf der dann Spekulatius, Lebkuchen oder auch „Criststollen“ feilgeboten werden. Hat hier schon mal jemand nachhaltig einen ernsthaften Proteststurm gegen die Unternehmen entfacht und von einer Provokation gegenüber „Christen“ schwadroniert? Heilig Abend ist am 24. Dezember, Weihnachten beginnt am 25. Dennoch wird für dieses „Christenfest“ Monate im Voraus der Konsummarkt angeworfen. Genervt, ja, das sind manche Christen. Zu Recht, denn die Kommerzialisierung dieses Festes ist schlichtweg inzwischen nur noch pervers. Aber nimmt da irgendjemand Rücksicht auf die Gefühle derer, die dieses Fest ernst nehmen?

Doch diese Menschen, die das Fest Christi Geburt oder auch der Auferstehung an Ostern ernst nehmen, scheinen sich ihrer souveränen Entscheidung zur Teilnahme am oder auch zum Verzicht auf den Konsumterror sicher zu sein. Sie benötigen keine symbolhaften und pseudo-toleranten Aktionen gegen Lebensmittelketten und sie lassen sich eben nicht „provozieren“. Da muss es dann schon ans „Eingemachte“ und eine sachlich korrektes Anliegen befördert werden. Dann nämlich, wenn den Kunden ein Weihnachtsmann als Nikolaus verkauft werden soll. Das geht gar nicht.

Bildquelle:

  • Schokoladenmänner: pixabay
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