ANALYSE Was bezweckt Nordkoreas Machthaber angesichts wachsenden Drucks?

Gilt als unberechenbar: der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un. Foto: Rodong Sinmun/Archiv
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von DIRK GODDER & ANDREAS HOENIG

Seoul/Washington – Beim Treffen von US-Präsident Donald Trump mit Chinas Präsident Xi Jinping in Florida ging es auch um die Frage, wie beide Staaten im Streit um Nordkoreas Atomprogramm gemeinsam vorgehen können.

Trump äußerte die Erwartung, dass China seine Rolle in dem Konflikt ausbaut. Doch Pekings politischer Einfluss auf die Führung in Pjöngjang unter Kim Jong Un wird als gering gesehen. Kim gilt als unberechenbar.

Welche Politik verfolgt Kim Jong Un?      

Seit Kim Jong Un nach dem Tod seines Vaters Kim Jong Il Ende 2011 an die Macht gelangte, treibt Nordkorea trotz scharfer internationaler Sanktionen sein Atom- und Raketenprogramm rascher voran. Ideologisch sieht man den Sohn, der nach unterschiedlichen Angaben 33 oder 34 Jahre ist, in der Nachfolge seines Vaters. Auf dessen «Militär-zuerst»-Politik folgte die sogenannte «Byongjin»-Linie, die mittlerweile als ein Markenzeichen des Sohnes gilt. Sie sieht den Aufbau einer Atomstreitmacht und die parallele Belebung der maroden Wirtschaft vor. Doch die wirtschaftlichen Reformen werden als geringfügig gesehen. Kims Kurs wird von Südkorea und vom Westen als unrealistisch kritisiert. Kim treibe das Land mit seiner Atompolitik nur weiter in die Isolation, lautet der Vorwurf. Der Zugang der Bevölkerung zu Informationen von außen wird unter Kim Jong Un weiter streng kontrolliert, auch wenn sich der Machthaber selber den technologischen Fortschritt auf die Fahnen geschrieben hat.

Warum entwickelt Nordkorea Atombomben und andere strategische Waffen? 

Die Entwicklung von Atomwaffen hat sowohl militärische als auch politische Gründe. Nordkorea unterhält zwar eine Armee von über eine Million Soldaten, doch deren Ausrüstung gilt als veraltet. Die Führung weiß, dass das Land waffentechnisch den USA und deren Verbündeten wie Südkorea und Japan unterlegen ist. Südkorea geht daher davon aus, dass Nordkorea seine «asymmetrischen Fähigkeiten» und das Atomwaffenarsenal ausbauen will. Drei Ziele sollen damit verfolgt werden: sich die militärische Überlegenheit zu sichern, eine wirksame Verhandlungskarte zu haben und die innere Einheit zu stärken. Mit Atomwaffen wähnt sich Pjöngjang nicht nur unangreifbar, sie sollen auch das Überleben der Führung garantieren.

Warum trotzt Kim Jong Un allem internationalen Druck? 

Genauso wie die wahren Machtverhältnisse in Pjöngjang undurchsichtig sind, so liegt auch die Politik der Regierung weitgehend im Dunkeln. Inwieweit Kim mit weiteren Drohgebärden den USA Konzession abringen will, gilt als unklar. An Gesprächen über sein Atomprogramm ist er jedenfalls nicht interessiert. Mit ihren Raketen- und Atomtests macht die Führung deutlich, sich dem Druck nicht zu beugen. Experten in Südkorea halten Kim für unberechenbar. Die Regierung in Seoul wirft ihm eine «Obsession» mit Atomwaffen vor. Ein Einlenken im Atomstreit könnte Kim innenpolitisch als Schwäche ausgelegt werden. Wie fest er wirklich im Sattel sitzt, ist aber auch unter Experten nicht klar. Diverse politische Säuberungen werden auch als Zeichen permanenter Furcht vor einem Machverlust und einer möglichen Instabilität ausgelegt.

Wie reagieren die USA? 

Die USA unter Präsident Trump scheinen zunehmend ungeduldiger auf Nordkorea zu schauen – der Ton wird härter und drohender. Noch kurz vor dem Treffen zwischen Trump und Xi Jinping forderten die USA die Chinesen zu einer stärkeren Zusammenarbeit auf. China solle seinen Einfluss auf Nordkorea geltend machen. Für großes Aufsehen sorgte vor kurzem ein Interview der «Financial Times», in dem Trump einen möglichen Alleingang der USA andeutete. An einer militärischen Eskalation in der Region kann Washington aber kein Interesse haben. Für die Regierung komme es darauf an, eine gemeinsame Strategie mit China zu entwickeln, andernfalls könnte sich die Krise um Nordkorea noch ausweiten, schrieb der Korea-Experte Jonathan D. Pollack von der Washingtoner Denkfabrik Brookings.

Bildquelle:

  • Kim Jong Un: dpa
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