Amazons Endlos-Anleihe: Bei attraktiver Rendite werden die Risiken egal

Amazon hatte die betrügerischen Shops vielfach binnen weniger Stunden nach Bekanntwerden vom Netz genommen, neue kamen aber immer wieder hinzu. Foto: Henning Kaiser/Symbolbild
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von DR. PATRICK PETERS

Die vergangenen Wochen sind durchaus reich an nicht alltäglichen wirtschaftlichen Ereignissen. Air Berlin, die zweitgrößte deutsche Fluglinie, hat einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt und kann nur durch einen Notfallkredit der Bundesregierung zumindest noch für einige Monate überlegen. Der Fußballstar Neymar ist unter – nennen wir es einmal vorsichtig – kreativen Umständen vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain gewechselt, und die deutsche Automobilindustrie steht durch Tricksereien bei den Abgaswerten unter Beschuss.

In diesem Zuge ist ein Ereignis an der (breiteren) Öffentlichkeit vorbeigegangen. Der Online-Shopping-Riese Amazon hat quasi nebenbei eine Unternehmensanleihe in Höhe von 16 Milliarden US-Dollar begeben – immerhin die viertgrößte des Jahres. Dabei war die Nachfrage dreimal so groß wie das Angebot.

Das ist erst einmal nicht sonderlich erstaunlich, dass große Unternehmen großvolumige Anleihen begeben, und auch der Run darauf ist nicht das Besondere. Interessant daran ist, dass den Erwerbern der Unternehmensanleihe offenbar völlig egal ist, dass die Amazon-Anleihe völlig dem widerspricht, was Vermögensverwalter und andere Experten seit geraumer Zeit als Losung für die Investments in Rentenpapiere ausgeben: nämlich dass deren Laufzeit aufgrund der unsicheren Zinssituation so kurz wie möglich sein sollte. Das folgt der Prämisse: Der Wert eine Anleihe – also der tagesaktuelle Kurs, mit dem diese gehandelt wird – folgt den Entwicklungen der Zinsen. Steigen die Leitzinsen, fallen die Anleihenkurse, wodurch die Papiere für den, der sie gerade verkaufen will, weniger wert sind. Und da keiner die Entwicklungen der Zinspolitik voraussehen kann, neigen Vermögensmanager dazu, nicht auf zu langlebige Anleihen zu setzen.

Doch zurück zu Amazon. Eine Dollar-Anleihe ist im August 2057 fällig, eine andere im August 2047. Das ist alles andere als eine kurze Lebenszeit, sodass die Amazon-Anleihen mit erheblichen Unsicherheiten verbunden sind. Denn zu den nicht absehbaren zinspolitischen Veränderungen gesellen sich natürlich allgemeine konjunkturelle und unternehmerische Fragen – weiß jemand, ob Amazon in zehn, 20, 30 oder 40 Jahren noch Geld verdienen wird (oder vielleicht genauso endet wie Air Berlin)? Und schon kürzlich hat die Rating-Agentur Moody’s Amazons Bonität mit der Note „Baa1“ nur  durchschnittlich bewertet.

Das sind aber offenbar Risiken, mit denen die Anleger umzugehen gewillt sind. Schließlich erhalten sie dafür einen jährlichen Kupon – also eine feste Zinszahlung – von 4,05 (30 Jahre) und 4,25 Prozent (40 Jahre). Diese fette zugesicherte jährliche Zahlung auf die investierte Summe lässt wohl so manche Unwegbarkeit vergessen…

Das zeigt, dass das ewige Gerede vom risikofernen Anleger, der sein Vermögen nur behutsam absichern möchten, aber das Geld eigentlich am Liebsten im Socken unter dem Bett aufbewahrt, sich schnell erledigt hat, wenn die Möglichkeit besteht, Geld an den Märkten zu verdienen. Dann sind auf einmal das Langzeitrisiko und die eher durchschnittliche Bonität des Internetkonzerns auch wurscht. Aber vor Aktien fürchtet man sich weiterhin.

Bildquelle:

  • Amazon: dpa
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