Abschied von George Michael: Für die Musikwelt ein bisschen wie der Untergang Roms

George Michael ist überraschend zu Weihnachten gestorben. Foto: Alessandro Della Bella
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von MARX DE MORAIS, London

„Es ist nicht 1914,-1918 oder 1939 bis‘45 aber was für ein verfluchtes Jahr“, sagte heute mein Freund David Douglas, nachdem er vom Tod George Michaels erfahren hatte. Ich wollte mit diesem Artikel warten, bis der kitschige Abgesang runter geschrieben war von all den professionellen Kritikern, all den Berichterstattern, die ihren Job routinemäßig machen, wenn irgendwo auf der Welt ein VIP gestorben ist.

Wir alle haben in den vergangenen Stunden ziemlich jede seiner Lieder-Zeilen in irgendeinem Artikel zitiert bekommen, und auch ich komme nicht ohne aus. Kitschige Weihnachten, englischer Schlager, glatt gebügelter Sunnyboy, ein bisschen Drogen, ein bisschen Klo. Wir wissen Bescheid. Kitschig bis zum Ende?

Seinen Tod vor Augen kommt es einem vor, als wenn auch dieser Tod dem Drehbuch einer Soap Opera entspringt. Vor ein paar Tagen berichteten Medien über einen Hoax, in dem der Tod des Sängers verkündet wurde. Fehlalarm, aber der makabre Schabernack hielt nicht lange als solcher an. Selbst erfüllend, am „ very next day“ nach „Christmas“ raffte es ihn tatsächlich dahin. Es wird niemanden wundern, wenn sein Ableben mit Herzversagen zu tun hätte. Wenn man noch etwas Klischee braucht, um dieses Geschehnis vollends für surreal zu halten: schon einmal zu Weihnachten, es war 2011, trat ein todkranker George Michael vor die Kameras und schilderte, wie er in Wien gerade dem Tod entkommen sei. Diese Weihnachten sah es anders aus, und man fand ihn entschlafen, friedlich eingemummelt im Bett in seinem Landhaus an der Themse.

Es ist seltsam, der Tod von George Michael trifft tatsächlich Menschen überall auf der Welt. Das obwohl er nie so präsent war wie Michael Jackson und auch nicht auf einem anderen Level zu existieren schien wie David Bowie. Man muss seine Musik nicht gemocht haben, aber sie gehörte zum Sound einer ganzen Generation. Ja er war das Finale einer Popkultur, die mit ihm ihren letzten Vertreter fand. Nach ihm kam nur noch so etwas wie Tokio Hotel und Justin Bieber. Vielleicht ist es das, was die Menschen so sensibel für Anteilnahme macht, eine ganze Kultur-Epoche scheint zu verschwinden. Es hat für die Musikwelt irgendwas vom Untergang Roms. Danach kam lange nur dunkles Mittelalter.

Ich selbst bin ein eher emotionsreduzierter Mensch, aber auch ich bin getroffen. Vielleicht weil er in meiner Nachbarschaft lebte. Weil er verdammt noch mal immer zu schnell an mir und anderen vorbeigefahren ist und dabei ständig, aber eben nur beinahe, irgendwen über den Haufen fuhr. Weil er so stark und so zerbrechlich war. So sehr Star und so sehr Mensch. Manchmal hässlicher, fetter, alter Sack und ein par Wochen später wieder so jung und schön, dass man die Augen nicht von ihm lassen konnte. Weil er ein echter Mann war und dennoch oft, vielleicht zu oft verloren schien. Ich bin traurig, ich gebe es zu. Was für ein herausragender Mensch er war, offenbarte sich in der persönlichen Begegnung. Jeder der ein live Konzert von George Michael sah, fragte sich danach, wie er ihn unterschätzen konnte. Er war Pop, Schlager, aber er war auch Jazz, Funk sogar und er war der Einzige, der neben Freddie die Songs von Queen singen durfte und das auch konnte.

Musik, wir wissen alles und haben alles dazu gelesen, aber da war noch mehr. Sein ungewolltes Coming Out machte er zu etwas Großartigem. Das trug sicher dazu bei, dass er mancher dreckigen und zu menschlichen Geschichte, in der Wahrnehmung zumindest, in Unschuld entkommen konnte. Von außen lange gezwungen, nicht der Mann sein zu können, der er sein wollte, Zuflucht nur findend in den gesellschaftlichen Randbereichen, schien sein polizeiliches Outing eine Befreiung zu sein. Sein offensiver Umgang mit der Geschichte seiner Festnahme in einem „Glory Hole“-Kabuff von Toilette irgendwo in Kalifornien, gab einer bedrückenden Prüderie den finalen Dolchstoß. Er erledige sie und setze der sexuellen Diskriminierung, in weiten Teilen der westlichen Welt zumindest, ein Ende.

Ein Mann wie George Michael war vielleicht nötig, um diesen Prozess abzuschließen. Ein Mann, der sich nicht über seine Sexualität an sich definierte, der attraktiv war und dennoch nie Klischee. Das macht ihn letztlich zu einem großen Mann. Rest in Peace, George!

Bildquelle:

  • George Michael: dpa
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